Mit der Mamiya 645 1000s an der Nordsee

Wie ich bereits erwähnt hatte, war als Hauptkamera bei unserem kurzen Familienurlaub in den Osterferien nicht etwa die Nikon Coolpix A, sondern die Mamiya 645 1000s dabei – das gute, alte, unverwüstliche Mittelformat also, wenn auch mit der relativ kleinen Negativgröße von ungefähr 6×4,5 cm, was wiederum die Ausrüstung einigermaßen transportabel macht.

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Ich weiß gar nicht mehr, wie es kam: plötzlich war da die Lust, nach langer Zeit mal wieder mit einer schönen, klassischen Mittelformatkamera zu fotografieren, analog – oder wie man früher gesagt hätte: auf Film. Aber das versteht sich ja fast von selbst, zumal digitales Mittelformat weder klassisch, noch überhaupt erschwinglich ist. So eine Mamiya 645, egal in welcher Ausführung, bekommt man beinahe geschenkt, vor allem wenn man bedenkt, dass es sich durchaus um professionelle, vor allem aber auch wunderschöne, zuverlässige Kameras handelt.

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Zur Kamera wählte ich drei Objektive: das wunderbare Mamiya Sekor 1.9/80, das sehr weite 3.5/35 und das etwas spezielle 4/145 SF. Das 1.9/80 zählt von der Brennweite her als Normalobjektiv, allerdings mit einer für das Mittelformat völlig untypischen Lichtstärke, die dem Objektiv in Anlehnung an einen wohlbekannten deutschen Kamera- und Objektivbauer den Spitznamen Noctilux des Mittelformats eingebracht hat. Völlig zu Recht, wie ich finde, denn die Abbildungsleistung ist traumhaft – dabei rede ich natürlich nicht von Auflösungsvermögen oder Schärfe, sondern von Charakter. Wenn ich mich für ein einziges Objektiv an der Mamiya entscheiden müsste, dann wäre es dieses.

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Ich bin sowieso ein Fan lichtstarker Normalobjektive, die eben meistens beides können: normal und ungewöhnlich. Zur Normalität gehört neben der neutralen Abbildung tatsächlich auch die Kompaktheit, welche dafür sorgt, dass man es immer dabei hat, um dann unter günstigen Umständen ganz besondere Ergebnisse zu erzielen. Die große Offenblende, kombiniert mit dem Freistellungspotenzial des Mittelformat, ergibt eine ganz eigenartige Bildanmutung.

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Das muss gar nicht spektakulär sein. Wenn man mit einer Mittelformatkamera unterwegs ist, hat man eigentlich ständig das Gefühl, einem besonderen Moment beizuwohnen – eben weil man diesen Moment mit einer solchen Kamera und auf diese eher unzeitgemäße, aufwändige Art und Weise festhält. Darin besteht schließlich die Lust an der Fotografie: in der Würdigung des unverwechselbaren, des unwiederbringlichen Augenblicks.

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Über Weitwinkelobjektive muss man nicht viel schreiben, außer dass sie einen dazu verführen, langweilige Panoramen zu fotografieren, wo man besser ins Detail gegangen wäre. Das Mamiya Sekor 3.5/35 ist da keine Ausnahme. Es weist zudem die typischen Eigenschaften eines Superweitwinkels auf: es verzerrt die Perspektive, es vignettiert, es hält nicht viel vom Spiel mit Schärfe und Unschärfe. Berücksichtigt man diese Eigenschaften, ist es ein hervorragendes Objektiv.

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Vielleicht schiebe ich an dieser Stelle mal ein paar Bemerkungen zu den verschiedenen Filmen ein, die während des Urlaubs zum Einsatz gekommen sind. Ich habe es wirklich wild gemischt, was sich auch in den unterschiedlichen Farbabstimmungen der Bilder spiegelt. Da sind zunächst die Farbnegativfilme: Fujifilm Reala und Kodak Ektar. Der Reala dürfte insgesamt etwas kühler, aber doch sehr angenehm sein. Der Ektar liebt rot. Mein Eindruck ist, dass er – obwohl er der modernste Film ist – einen nostalgischen Charme versprüht. Schwarzweiß habe ich mit dem Fujifilm Acros und dem Kodak TMax 100 fotografiert. Und schließlich noch die Diafilme: Fujifilm Provia und Velvia. Letzterer bedarf keiner Beschreibung: legendär ist die intensive Farbgebung. Mir hat allerdings der Provia besser gefallen: tolle, kräftige Farben, die niemals übersättigt wirken und eine beeindruckende Schärfe.

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Über das Mamiya Sekor 4/145 SF könnte man wiederum sehr viel schreiben – ich fasse es kurz: das Objektiv ist ein Monster. Es handelt sich um ein leichtes (natürlich schweres) Teleobjektiv, besonders geeignet für Portraits, erst recht, wenn man weiß, dass SF die Abkürzung für Soft Focus bedeutet. Das Objektiv hat also einen Weichzeichner eingebaut, dessen Intensität und Charakter man durch bestimmte Einstellungen am Objektiv ändern kann – wenn man es denn in den Griff bekommt. Ich muss zugeben, mir sind einige Fotos völlig misslungen – hätte ich doch nur die Bedienungsanleitung zur Hand gehabt. Mein Eindruck ist, dass sich bestimmte Einstellungen stark auf die Belichtung auswirken, aber das kann auch Zufall gewesen sein. Wo es dagegen passte, passte es sehr gut.

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Wie bewerte ich denn nun rückblickend das Fotografieren mit einer (kleinen) Mittelformatkamera? Auf die Gefahr hin, dass man mich auslacht: es gibt nichts Schöneres. Ich weiß, das ist eine Provokation, aber ich meine es ernst und will es auch erläutern. Zunächst einmal ist die Mamiya 645 1000s eine großartige Kamera. Alles an ihr wirkt durchdacht und funktional, zugleich ist sie wunderschön – und in dieser Kombination wohl nur mit einer Hasselblad vergleichbar. Der Blick in den Lichtschacht auf die Mattscheibe ist eine echte Wohltat: er veredelt die Wirklichkeit geradezu – ein ganz eigentümliches Empfinden.

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Der fotografische Akt selbst ist bekanntermaßen entschleunigt und konzentriert. Man überlegt sich schon, womit man die gerade mal 16 Bilder eines ziemlich teuren Films füllt, und man ist bestürzt, wenn einem durch irgendein Missgeschick ein Foto misslingt und also verlorengeht. Die Belichtung muss man separat messen bzw. schätzen, was aber nach einiger Zeit zur Selbstverständlichkeit wird. Natürlich wird man manchmal etwas merkwürdig angesehen, aber letztlich genießt man es, denn es fühlt sich richtig an.

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Nein, man macht nicht zwangsläufig bessere Bilder, nur weil man auf Mittelformatfilm fotografiert. Vom technischen Standpunkt sind die Ergebnisse denen einer Digitalkamera keineswegs überlegen, aber das Schöne daran ist gerade, dass ein solcher technischer Standpunkt überhaupt nicht den Ausschlag gibt. Schärfe ist einer der größten fotografischen Irrtümer. Es sind stets die Unschärfen, die Ungewissheiten, die eine Geschichte erzählen, eine Szene zeichnen, einen Blick wandern lassen. In dieser Hinsicht ist Film – zumal im Mittelformat – der digitalen Fotografie klar überlegen. Die Wirklichkeit des Mediums Film (fotografisch) ist niemals nur wirklich, sondern filmisch. Schade, dass ich es nicht besser erklären, geschweige denn beweisen kann.

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5 thoughts on “Mit der Mamiya 645 1000s an der Nordsee

  1. Hubert

    Ich kann sowohl dem gezeigten als auch dem gesagten nur voll zustimmen. Ich habe/fotografiere selbst mit der 1000S und scanne gerade im Moment aehnliche Aufnahemen. Was soll ich sagen? Ich habe sie alle, die 1000 S, die 645 Pro und die Pro TL
    plus das besagte Objective und einige mehr. Die Pro und Pro TL sind sicher moderner und modularer aber die 1000 S hat so ein „ich bind die Kamera“ an sich das man wirklich nur umschreiben aber nicht beschreiben kann. Es ist ein Kamera die zum Fotografieren verfuehrt.

  2. mohr hubert

    Hallo Fotofreund
    Kompliment für Ihre Bilder und den Artikel .
    ich war selber lange im Besitz verschiedener Mamiyas Und habe sie gegen digital cameras
    eingetauscht weil mir die Bilder einfach zu teuer wurden, ungefähr 8 euro pro bild .

    Bin seither total unglücklich und will wieder eine m645 ,haben sie eine Idee wie man die
    Bilder günstiger bekommenKann?
    Grüße aus Konstanz
    Hubert Mohr

  3. Hallo,

    Danke für den schönen Artikel. Ich habe gestern Abend mal wieder mit meiner M645 fotografiert und suchte dafür nach etwas zu Lesen – da ich am Samstag zum Urlaub an die Nordseeküste fahre, und überlege, dafür mal nur die analoge Kamera mitzunehmen, passte der Artikel hervorragend.

    Herr Mohr: Ich entwickle auch meine Farbfilme mittlerweile selbst und scanne sie anschließend. Ein 5er Pack Kodak Portra kostet knapp 30 EUR. Das sind pro Bild etwa 0,50 EUR. Mit einem Set Entwickler kann ich diese 5 Filme entwickeln. Im Lumiere-shop.de kostet 1L Tetenal Colortec C-41 Negativ Kit Rapid etwa 25 Euro. Damit komme ich etwa auf Kosten von einem Euro pro Bild.

    Beste Grüße,
    Heike Grunwald

  4. Rolf

    Es ist wunderbar das sich doch immer noch sehr viele Fans an „analoger“ Photographie erfreuen. Dieser völlig falsche Begriff, der sich rückwärtig durch die digitale „Fotografie“,
    entwickelt hat. Die Aufnahme eines Bildes mit digitaler Technik stellt im eigentlichen Sinne überhaupt keine photographische Erfassung dar. Lichtbildnerisch geschieht hier nichts
    weiter als das einfallendes Licht in Daten umgewandelt werden. Aus diesen könnten
    auch Musik oder Videos oder Texte entstehen. Und durch die Bildverarbeitung mit den
    entsprechenden Programmen können dann die Aufnahmen solange manipuliert werden,
    bis sie perfekt sind. Und ein Photo auf einem Film ist einzigartig, und nicht zu etwas anderem zu gestalten. Ausserdem werden die meisten Fotos am Monitor betrachtet, und
    hier fällt das Licht ja nicht auf das Foto, sondern wird von „hinten“ beleuchtet
    Ich kenne einige Leute die ohne Digitalkamera kaum ein vernünftiges Foto zustande bringen würden.
    Oder mindestens 10 Filme an einem Tag verbrauchen würden. Die Kunst liegt ja gerade darin vor dem Auslösen nachzudenken. Und nicht die halbe Welt einzuscannen und zu Hause am Rechner die Ergebnisse schön zu manipulieren. Wobei sie dann meist in den Tiefen der Festplatte schlummern und aufgrund der großen Anzahl auch nicht wirklich zur
    Betrachtung einladen. Eher so wie die langweiligen Diaabende, mit den missglückten Aufnahmen von wer weiß wem. Also sich mal wieder auf Weniges beschränken. Konzentration und Auseinandersetzung mit dem Motiv und dem wesentlichen was eine
    Kamera zu einem gelungenen Photo beiträgt: Brennweite, Blende und Verschlusszeit.
    Ein junger Berliner Fotograf hat sich mit einer Makina 67 auf eine Photoreportage begeben,
    und die Ergebnisse haben mich spüren lassen was ich in der digitalen Bilderflut immer vermisse: Die einzigartige emotionale Wärme eines Photos das mit einem Film aufgenommen worden ist!
    Und genau das ist mir auch beim Betrachten ihrer Photos passiert. Vielen Dank für
    die Anregung und die Bestätigung durch ihren Text und die Lichbilder!

    Grüße aus Berlin

    Rolf Ruthe

  5. Roland Albert

    Ich stimme vollkommen überein mit Rolf´s Kommentar.

    Vor ein paar Jahren habe ich mir eine (digitale) Leica X1 mit Festbrennweite und (abgesehen von der Automatic) manueller Belichtichtungs- und Blendeneinstellung gekauft. Mit diesem Teil ist es wieder echte Fotographie. Du musst zum Objekt GEHEN, die Perspektive AUSLOTEN und die richtige Entscheidung für die optimale Ausleuchtung TREFFEN…

    Ich liebe diese Art zu fotografieren und mein neuestes Prunkstück ist die 645M von Mamiya aus dem Baujahr 1976. Sektor C Objektive in Hülle und Fülle, Handgriff, Sucher und Lichtschacht. Man muss sich wieder an die Wartezeiten des entwickeln gewöhnen aber die prickelnde Spannung und DIE guten Ergebnisse entschädigen.

    Ich denke, gute Fotografen LEBEN beide Techniken. Persönlich werde ich allerdings bei allen Sympathien für meine mittlerweile vier Leica´s die Canon EOS 5D MKII für die wirklich gut aufgelösten nutzen. Einfach nicht zu übertreffen…

    Roland Albert

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