Vorsicht, radioaktiv: Canon FD 2.0/35mm

Es gibt Objektive, um die ranken sich Gerüchte und Geschichten. Natürlich geht es dabei immer um besondere Qualitäten, sei es eine hervorragende Schärfe oder ein außergewöhnliches Bokeh. Mitunter handelt es sich auch um eher zweifelhafte Eigenschaften.

Canon FD 2/35Das Canon FD 2/35mm ist ein solches Objektiv. Sein legendärer Ruf als abbildungsstarkes Arbeitstier geht einher mit einem dubiosen Nebeneffekt: es ist radioaktiv.

Im Jahr 1971, also im Produktionsjahr meines Exemplars ging man mit dem Thema noch recht locker um. Für bestimmte Linsen griff man zwecks optischer Optimierung auf den Einsatz von radioaktivem Thorium zurück. Die Optimierung gelang, wie die euphorischen Beurteilungen des Objektivs belegen, allerdings auf Kosten gesundheitlicher Risiken insbesondere im Herstellungsprozess. Daher stieg man später auf das weniger heiße Lanthanum um.

Ist die Strahlung denn für den Fotografen gefährlich? Wohl eher nicht. Zwar können direkt an der Linsenoberfläche angeblich Strahlungsniveaus gemessen werden, die einer Röntgenaufnahme vergleichbar währen, aber im Abstand von einem Meter ist das schon nicht mehr messbar. Ich bin da kein Experte, aber ich glaube, dass man auf Flugreisen eine größere Strahlungsbelastung in Kauf nimmt. Wirklich wissenschaftliche Untersuchung zur Strahlungsgefahr alter Objektive sind mir nicht bekannt. Apropos alte Objektive. Betroffen von dieser Problematik sind weitaus mehr Objektive, als man glauben mag. Eine Liste findet sich hier:

http://camerapedia.wikia.com/wiki/Radioactive_lenses

Thorium-Linse
Gelb-braune Verfärbung der Linsen

Bei dem Canon 2/35 erkennt man die radioaktiven Versionen ganz leicht am vorderen Chromring, der konkaven Frontlinse und dem Fehlen der Vergütungsbezeichnung (S.C. oder S.S.C). Und dann ist da noch die berühmt-berüchtigte Gelbfärbung der betroffenen Linsen, sehr schön vor hellem Hintergrund zu sehen. Sie ist bei Schwarzweiß-Fotografen natürlich sehr beliebt, weil man sich so das Gelbfilter sparen kann. Bei Farbfotografien könnte das wiederum zu unerwünschten Einfärbungen führen, je nach Färbungsgrad der Linse. Die Färbung kann übrigens gemindert werden, wenn man die Linse starker UV-Strahlung aussetzt, also z.B. direktem Sonnenlicht. Dazu gibt es im Internet verschiedene Tipps, die ich alle noch nicht ausprobiert habe.

Wie ist denn nun eigentlich die Abbildungsqualität? Das werden selbstverständlich erst zukünftige Fotoexkursionen ans Licht bringen. Für einen ganz schnellen, wenig aussagekräftigen Test habe ich das Objektiv an meine Sony A7s geschnallt und bin sehr zufrieden. Ein einfaches Blumenmotiv bei Offenblende an der Naheinstellgrenze, also dort, wo das Objektiv am schwächsten sein dürfte. Das Ergebnis kann sich aber schon sehen lassen.

Canon FD 2/35 an der Sony A7s

Eine eher warme Farbgebung sicherlich, die ich in Photoshop mit einem Mausklick hätte verschwinden lassen können. Etwas blass vielleicht. Aber das Motiv in der Bildmitte ist bereits sehr scharf – sofern der minimale Schärfebereich bei Offenblende im Abstand von 30cm das überhaupt zulässt. Insgesamt eine sehr schöne Bildanmutung.

Doch will ich das gute/böse Stück gar nicht an einer Digitalkamera verwenden. Es gehört sicherlich eher an eine schöne, alte Spiegelreflexkamera aus dem Hause Canon, von denen der Markt ja nur so wimmelt, und die auch heute noch einwandfreie Arbeit leisten können. Stellvertretend habe ich das Objektiv einfach mal an eine A-1 angesetzt, die zwar – streng historisch betrachtet – ein klein wenig zu modern für das Objektiv ist, aber das fällt ja mit einemAbstand von 40 Jahren und mehr niemandem auf. Da bleibt nur zu hoffen, dass der Film in der Kamera nicht verstrahlt wird.

Canon FD 2/35 an der A-1

 

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