Gespinste – zwischen Schönheit und Grauen

Merkwürdige Dinge geschehen um uns herum. Nicht immer dramatisch, manchmal kaum wahrnehmbar oder sogar unbemerkt. Was unsere abgestumpften Augen nicht alles übersehen! Ganz ehrlich: mit einer Kamera im Handgepäck sieht man sich bewusster um. Oft schon bin ich trotz kompletter Ausrüstung ohne Foto nach Hause gekommen, aber mit dem Gefühl, der Wirklichkeit, die ich durchstreifte, aufmerksam – intensiv – begegnet zu sein.

Manches stößt einen aber auch geradezu vor den Kopf, und man muss nicht einmal eine Kamera dabei haben, um zu bemerken, dass etwas nicht stimmt.

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Gespenst oder Gespinst? Ein merkwürdig zugerichteter Baum im Revierpark Mattlerbusch. Aufgenommen mit der Olympus E-P1 und dem Panasonic 1.7/20.

Es handelt sich weder um einen Infraroteffekt noch um die verunglückte Nachbearbeitung eines ansonsten nichts sagenden Fotos. Dieser Baum wurde tatsächlich seines Laubes beraubt und ansonsten komplett versponnen. Bei näherer Betrachtung ist es besser zu erkennen.

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Der Duft von Zuckerwatte kommt einem in den Sinn. Allerdings nur so lange, bis man die Übeltäter entdeckt.

Ich bin kein Biologe. Ich will nicht wirklich wissen, was da vor sich geht, denn ganz ohne einen Anflug von Ekel konnte ich die Szene nicht auf mich wirken lassen – aber auch der kann ja bekanntlich ein Vehikel der Schönheit sein.

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Kunstwerk? Nichts weiter als eine kleine Raupenplage. Olympus E-P1 mit Leica Elmarit 2.8/90.

Ein gewisses Maß Überwindung gehört zum Handwerk dazu. Als dann die ersten Raupen auf mich herab rieselten, beschloss ich, dass bereits genügend Material für diese Fotostory gesammelt war. Dabei war nicht bloß ein einziger Baum betroffen. Einige weitere in der Nähe erlitten das gleiche Schicksal. Was mich jedoch erstaunte, war die Tatsache, dass niemals mehere Bäume nebeneinander auf diese Weise entwirklicht waren, sondern immer nur vereinzelte, mit respektablem Abstand zum nächsten Leidensgenossen. Steckt etwa ein System dahinter? Wie gesagt, ich binkein Biologe, und außerdem begann es zu kribbeln.

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Ganz und gar in Raupenhand: vom Kopf bis zu den Füßen.

Aber es ist eben auch nicht ohne Reiz. Ob es sich dabei um einen ästhetischen Reiz oder um den genüsslichen Schauder einer Horrorvison handelt, mag ich nicht entscheiden.

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Schönheit des Grauens.

Gut nur, dass eine Kamera vor Ort war. Hätte ich zur Olympus E-P1 die entsprechende Makro-Ausstattung, könnte man vielleicht auf dem einen oder anderen Bild eine Raupe lächeln sehen. So bleibt es bei traumgleichen Erinnerungen aus der Distanz.

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Traumgespinst in Farbe.

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