Mittendrin – der Fotograf in der Menge

Beim Fotografieren neigt man dazu, einen Standpunkt einzunehmen, der einen gewissen Überblick ermöglicht. Wir haben gelernt, dass es hilfreich sein kann, eine Sache aus angemessener Distanz zu betrachten, um uns ein klares Urteil zu bilden. Und so beginnt unsere Jagd auf ein Motiv allzu oft mit der Suche nach einem idealen Standpunkt.

Ich glaube, damit sind wir auf dem besten Wege, die Lust am Fotografieren zu verlieren, bevor wir überhaupt damit angefangen haben.

So tired
So tired

Dieses Bild entstand aus der Menge heraus in die Menge hinein. Ich würde niemals annehmen, ich selbst bliebe im Moment des Fotografierens unbeobachtet. Fast jeder sieht den Typen mit der Kamera. Aber was spielt das für eine Rolle für das spätere Bild? Der Typ mit der Kamera ist kaum jemals auf dem fertigen Foto zu sehen. Vom Standpunkt des Bildes aus betrachtet existiert der Typ mit der Kamera überhaupt nicht. Er ist ist bloß einer von zahllosen diffusen Punkten in einer sich stetig verändernden Masse.

Deshalb finde ich es aufregend und anregend zugleich, mich zum Fotografieren in die Menschenmenge zu begeben. Es erinnert vage an eine Prüfung. In den Köpfen der Menschen, die dem Fotografen zusehen, entsteht immer auch eine Vorstellung davon, was wohl auf dem fertigen Foto zu sehen sein wird. Dieser Vorstellung muss ich wohl oder übel gerecht werden.

Straßenmusik
Straßenmusik

Ein Foto markiert immer auch eine Distanz. Der vermeintlich intime Blick des Betrachters wird allererst auf technischem Umwege konstruiert. Für das Gelingen einer Momentaufnahme ist es unerlässlich, dieses technische Konstrukt in Emotion umzumünzen: die Glaubwürdigkeit, ein Teil des Geschehens zu sein.

Insofern ist es sowohl für den Fotografen als auch für den Betrachter des Bildes äußerst beruhigend, eine Art Allerweltsperspektive einzunehmen. Mittendrin ist da, wo es geschieht, so unbedeutend und flüchtig es auch sein mag.

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