Leica M7 mit Zeiss Sonnar 1.5/50 – der besondere Augenblick

Es mag seltsam klingen, von Klassikern zu sprechen, wenn es sich um technische Geräte handelt, die überhaupt erst vor wenigen Jahren auf den Markt kamen. Allerdings bürgen die Namen Leica und Zeiss mit ihrer Unternehmenstradition dafür, Kameras und Objektive zu entwickeln, die gewissermaßen von vornherein dazu bestimmt sind, zu Klassikern zu werden: kein Zweifel, Adel verpflichtet.

Zur Leica M7 erübrigen sich viele Worte, doch sollte man vielleicht in Erinnerung rufen, dass sie die Leica-Welt bei ihrem Erscheinen im Jahr 2002 in helle Aufregung versetzte: eine Leica M mit elektronisch gesteuertem Verschluss und Zeitautomatik. Für die Puristen unter den Leica-Fotografen war das ein Sündenfall, ein bedrohlicher Einbruch der Moderne in eine bis dahin heile Welt. Zeitautomatik im Jahr 2002 – wow! Aus heutiger Sicht (gleichsam aus dem Höllenschlund der Digitalfotografie hervor blinzelnd) relativieren sich diese Bedenken.

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Junge Dame mit Hut. Hier lag die Zeitautomatik der M7 durchaus nicht falsch. Zugleich ein schönes Beispiel für das Zeiss Sonnar als Portraitobjektiv.

Ja, in der Tat, wir reden hier von einer Kamera, die noch mit Kleinbildfilm anstatt mit Speicherkarten gefüttert wird. Es mag anachronistisch erscheinen, aber von Zeit zu Zeit ist das Fotografieren mit Film sehr erholsam – fast wirkt es reinigend, wenn nicht auf Seele und Gemüt, so doch auf die fotografischen Gewohnheiten. Allein die Tatsache, dass keine Aufnahme sofort gelöscht werden kann, begünstigt einen bewussteren Umgang mit dem Auslöser. Es ist, als würde der fotografische Augenblick wieder mit Ehrfurcht erfahren. Dieser Augenblick entscheidet über die Bedeutung des Bildes. Es ist der entscheidende Augenblick.

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Manchmal sieht eine Kamera mehr als das menschliche Auge. Sie entreißt das Sichtbare dem unerbittlichen Fließen der Zeit.

Das Zeiss C Sonnar 1.5/50 ZM basiert auf einem optischen Design der 1930er Jahre und ist trotz seiner hohen Lichtstärke äußerst kompakt. Es fügt sich mit der M7 zu einer Einheit mit idealen Dimensionen zusammen, auf geheimnisvolle Weise dazu bestimmt, gut in der Hand zu liegen, gerade so, als sollte man zum Fotografieren verführt werden.

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Wie für einander gemacht. Leica M7 und Zeiss C Sonnar 1.5/50.

Das Zeiss Sonnar 1.5/50 genießt den Ruf, vor allem als Protraitobjektiv Erstaunliches zu leisten. Das mag unseren an fast schon aufdringliche Tele-Intimität gewöhnten Augen ungewöhnlich erscheinen: ausgerechnet eine Normalbrennweite von 50mm für Portraits? Doch muss man sich bewusst machen, dass die frühe Portraitfotografie – und das Sonnar entstammt  ja einer längst vergangenen Epoche – recht stark an die klassische Portraitmalerei angelehnt war, die den Menschen aus respektvoller Distanz beäugte. Auf intime Details wurde zu Gunsten einer Aura unnahbarer Intimität verzichtet.

Genau da setzt die moderne Version des Zeiss Sonnar 1.5/50 an. Auf eine schwer zu beschreibende Weise bildet das Objektiv diese intime Aura ab, ohne in sie einzudringen. Das bevorzugte Mittel zu diesem Zweck ist natürlich die weit geöffnete Blende. Hier zeichnet sich das Sonnar durch eine spezielle Charakteristik aus, die ich in Ermangelung eines besseren Begriffs provisorisch als gediegene Unschärfe bezeichne.

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Meine Mutter, kurz bevor sie sich umdreht, um mir einen bösen Blick zuzuwerfen. In dieser Situation gelingt es dem Sonnar, ausgerechnet die Milde des Ausdrucks abzubilden.

Sieht man bei dem Foto oben einmal von dem fantastischen, wie gemalt wirkenden Bokeh ab, erkennt man, dass auch der Schärfebereich trotz deutlicher Konturierung und guter Auflösung eine Art malerische Unbestimmtheit aufweist. Das Motiv wird nicht einfach eingefangen, es wird abgelichtet. Zugegeben, die nicht-technische Beschreibung dieses Effekts gleitet leicht ins Mystische ab.

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Das Zeiss Sonnar neigt dazu, selbst profane, unscheinbare Motive mystisch überhöht abzubilden. Es gesteht dem Moment eine Bedeutung zu, die dem außenstehenden Betrachter leicht entgeht.

Kommen wir ruhig mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. An diesem Tag war die Welt von derart gleißendem Sonnenlicht erfüllt, dass es es selbst mit ISO 100 Film kaum möglich war, mit Offenblende zu fotografieren, zumal die Leica M7 über eine kürzeste Verschlusszeit von gerade mal 1/1000s verfügt. So stößt auch dieses Traumpaar an seine Grenzen: nämlich bei zu hellem Licht.

Ein Wort auch noch zum verwendeten Film. Verwendet wurde ein Polaroid High Definition ISO 100 Film, dessen Haltbarkeit seit vier Jahren abgelaufen war, ohne, dass der Film gekühlt gelagert worden wäre. Kein spektakuläres Material also. In meinen Schränken finden sich noch gewisse Überreste aus der Ära des Kleinbildfilms. Wie es scheint, haben sie den Wandel der Zeit unbeschadet überstanden. Die Scans in einfacher Qualität wurden gleich bei der Filmentwicklung durch das Labor angefertigt.

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Zwar nicht mit ganz offener Blende fotografiert, aber doch offen genug, um das Hauptmotiv fast dreidimensional vom Hintergrund abzusetzen.

Was macht man, wenn es zu hell ist, um mit Offenblende zu fotografieren? Klar, man beißt in den sauren Apfel und blendet ab. Zwar büßt das Sonnar dann seine spezielle Portrait-Charakteristik ein, die Abbildungsleistung leidet darunter jedoch nicht. Im Gegenteil, das Sonnar nähert sich dann der Leistung des Planars aus gleichem Hause an und wird zu einem typischen Vertreter der 50mm-Gattung: scharf und weitgehend neutral, insbesondere geeignet für Reportage und Dokumentation.

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Straßenszene mit Blende 11. Das Objektiv wird zum neutralen Allrounder.

Abschließend kann ich nur noch einmal wiederholen, dass es sich bei der Leica M7 in Verbindung mit dem Zeiss C Sonnar 1.5/50 um eine Traumkombination handelt, die tatsächlich weitaus vielseitiger einsetzbar ist, als man auf den ersten Blick vermutet. Sicherlich sollte man eine gewisse Vorliebe für die 50mm Normalbrennweite mitbringen. Und natürlich sollte man sich vergegenwärtigen, dass der Umgang mit einer analogen Kamera vom Schlage einer M7 zu anderem Arbeiten anhält, als es mit einer Digitalkamera der Fall ist. Erfüllt man diese Grundvoraussetzungen, dann erweist sich dieses klassische Gespann als Spezialist für das Besondere, selbst inmitten des Alltäglichen – oder eben einfach als ein zuverlässiger Begleiter für alle Fälle.

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