Erfahrungsbericht: Sigma DP1s – unzeitgemäße Schönheit

Man kann die Sigma DP1s gegenwärtig getrost als Schnäppchen bezeichnen. Für etwa EUR 200,00 bekommt man eine kompakte Kamera, deren Sensor nicht nur an die Größe der in den meisten digitalen Spigelreflexkameras verbauten Sensoren heranreicht, sondern zudem über das Alleinstellungsmerkmal der Foveon-Technologie verfügt: drei separat aufzeichnende Farbschichten, die für große Detailgenauigkeit und unübertroffene Farbwiedergabe bürgen sollen – warum nur wird eine solche Kamera verramscht?

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Die Sigma DP1s: klein, schwarz, schön.

Als ich mich vor einigen Wochen dazu durchgerungen habe, die günstigen Preise zu nutzen, um die DP1s einmal näher in Augenschein zu nehmen, waren mir die zahlreichen Einwände, welche stets und immer wieder gegen diese ungewöhnliche Kamera vorgebracht werden, natürlich bekannt. Über kaum eine andere Kamera findet man in Foren und Rezensionen dermaßen zahlreiche Unmutsäußerungen wie über die DP1 bzw. die DP1s, ihre nur leicht überarbeitete Zwillingsschwester. Und dennoch existiert eine treue Fangemeinde, die sich durch keinen technischen Makel beirren lässt und stattdessen hartnäckig von einzigartigen Bildergebnissen schwärmt. Irgendetwas muss doch wohl dran sein an der kleinen Schwarzen.

Testen konnte ich die DP1s unter anderem während einer Urlaubswoche an der Nordsee und ansonsten in der heimischen Umgebung des Ruhrgebiets. Es erübrigt sich zu sagen, dass ich mich in der ganzen Zeit nur wenig mit technischen Details befasst habe. Auch habe ich es nicht für nötig gehalten Siemenssterne und dergleichen abzulichten. Was mich interessiert, ist die Alltagstauglichkeit einer Kamera, ihr Einsatz vor Ort unter besonderer Berücksichtigung der fotografischen Endresultate. Darauf schließlich kommt es doch an: Bilder und ihre Wirkung.

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Watt und Himmel – eigentlich völlige Leere. Die DP1s macht ganz selbstverständlich ein Bild daraus.

In dieser Hinsicht wird man von der kompakten Sigma nicht so leicht enttäuscht. Es klingt vielleicht seltsam, aber es bedarf einiger Mühe, um mit der DP1s schlechte Fotos zu machen. Was ihr vor die Linse kommt, wird in gewisser Weise verzaubert, der schnöden Realität entrückt. Ich gebe zu, das habe ich nicht für möglich gehalten, als ich mich auf dieses Abenteuer einließ. Um ganz ehrlich zu sein, wenn man die Kamera zum ersten Mal in die Hand nimmt und zu fotografieren beginnt, hält man es kaum für möglich, dass sie überhaupt ein Foto zustande bringt.

Ich bin kein Speedfreak. Ich brauche nicht den allerschnellsten Autofokus, erst recht nicht, wenn ich mit einer Weitwinkel-Brennweite wie den 16,6mm (entspricht 28mm Kleinbild) der Sigma fotografiere. Aber dass das Bild im Display während des Fokussierens einfriert, hat mich doch erschreckt. Man kann es nicht treffender als mit dem Begriff Schrecksekunde bezeichnen, denn schneller schnappt der Autofokus nicht zu. Fotografiert man ein bewegtes Motiv, kann es unter Umständen vorkommen, dass man, während der Autofokus der Kamera sich noch geräuschvoll quält, nicht einmal sieht, dass dass Motiv längst aus dem Bild verschwunden ist. Das muss man verdauen können. Sicher, nach einiger Zeit gewöhnt man sich an dieses extravagante Verhalten, oder aber man verzichtet gleich auf den Autofokus und nutzt die einigermaßen intuitiv umgesetzte Möglichkeit, mit Hilfe eines kleinen Drehrads manuell zu fokussieren. Da ein Weitwinkelobjektiv ohnehin zu ausgedehnter Tiefenschärfe neigt, kann man sich sogar kleine Ungenauigkeiten erlauben. Spätestens ab Blende 8 und bei einer Fokusdistanz von ca. drei bis fünf Metern wird praktisch das gesamte Bildfeld scharf erfasst.

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Strandkorb auf der Wiese. Dazu der Himmel – eine Spezialität der DP1s.

Spätestens zur manuellen Fokussierung wünscht man sich ein gutes Display: groß und mit vernünftiger Auflösung. Doch überrascht es kaum, dass die DP1s damit nicht dienen kann. Gerade einmal 2,5″ bei einer Auflösung von 230000 Pixeln, das ist längst nicht mehr zeitgemäß. Irgendwie geht es aber doch. Zur Erleichterung der Scharfstellung von Hand ist per Knopfdruck eine Vergrößerung des zu fokussierenden Ausschnitts vorgesehen – das ist immerhin sehr gut gelöst.

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Nein, das ist nicht die Nordsee, das ist der Revierpark Mattlerbusch.

Überhaupt kann eine Kamera, die außerordentlich gute Fotos macht, doch nicht wirklich schlecht konstruiert sein, oder? Ganz im Ernst, man nimmt die Schwächen der Kamera gern in Kauf, weil man trotz aller vermeintlichen Hindernisse mit Bildern belohnt wird, die andere Kameras so nicht oft produzieren. Während der Akt des Fotografierens mit der DP1s manchmal etwas mühselig ist, scheinen die fertigen Bilder mit unerhörter Leichtigkeit entstanden zu sein.

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Die heimische Umgebung im Morgenlicht.

Zu dieser Leichtigkeit trägt nicht zuletzt die zum Lieferumfang der Kamera gehörende Software Sigma Photo Pro 4 bei. Sie mag nicht ganz den Funktionsumfang der üblichen Mitbewerber bieten, sorgt aber mit ihren überschaubaren Parametern ohne großen Bearbeitungsaufwand für hervorragende Ergebnisse. Tatsächlich erreichen z.B. die mit Adobe Photoshop erzielten Ergebnisse nur selten die schlichte Überzeugungskraft von Sigma Photo Pro, und nur in seltenen Fällen, dann nämlich, wenn SPP übers Ziel hinaus zu schießen scheint, ist eine Bearbeitung mit Photoshop angeraten.

Dabei setze ich ganz selbstverstänlich voraus, das man die RAW-Daten der Kamera zur Bilderzeugung verwendet, denn nur so kann man das Potenzial der Sigma DP1s voll ausschöpfen. Die kameraintern erzeugten JPEGs erreichen nicht annähernd das Niveau, welches bei Verwendung der RAW-Daten möglich ist. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die DP1s nicht erlaubt, Bilder gleichzeitig als JPEGs und im Rohdatenformat abzuspeichern. Man muss also von vornherein eine Entscheidung treffen, und da kommt ernsthaft nur das RAW-Format in Betracht, da andernfalls zu viel geopfert würde. Auch dies könnte man als eine Schwäche der Kamera betrachten, andererseits untermauert die DP1s damit ihren Anspruch als Kompaktkamera für ambitionierte Fotografen. Wer eine kleine Knipse für den schnellen Schnappschuss sucht, ist anderweitig sicherlich besser aufgehoben.

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Kleiner Pavillon im Park.

Nur kurz möchte ich auf Veränderungen der DP1s gegenüber der ursprünglichen DP1 hinweisen. Wer eine grundlegende Überarbeitung der Kamera erwartet hatte, wurde vermutlich enttäuscht, den es handelt sich letztlich nur um ein marginales Update. So wurde die DP1s um die so genannte Quick Set Funktion ergänzt, welche es ermöglicht, die ansonsten nur für die Bildwiedergabe benötigten Zoomtasten auch für den fotografischen Betrieb mit diversen Funktionen zu belegen. Das ist sicherlich sinnvoll. Bei mir dienen die zwei Tasten nun zusätzlich der direkten Einstellung für die ISO-Werte und den Weißabgleich. Das spart in der Regel einige Zugriffe aufs Menü.

Ansonsten wurde laut Sigma das Verhalten der DP1s bei Aufnahmen in Gegenlicht verbessert. Sigma schweigt sich über die genaue Art der Veränderung aus, und so kursieren in den einschlägigen Internetforen die Spekulationen, ob es sich lediglich um ein Software-Update handelt oder etwa um eine neue Vergütung der Linsen

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Gegen 6.00 Uhr früh, direkt in die Morgensonne hinein fotografiert. Erstaunlich, welche Details die Sigma Software ins endgültige Bild gerettet hat, sowohl in den Lichtern als auch in den Schatten.

Was macht nun eigentlich die Bilder der DP1s und anderer Kameras von Sigma so speziell? Damit frage ich nicht nach der zu Grunde liegenden Technik, die anderswo detailliert erläutert wird. Mich interessieren die Besonderheiten der Bildwirkung, und damit begebe ich mich natürlich auf dünnes Eis. Manch einer wird die mit der DP1s gemachten Bilder gar nicht als besonders empfinden, schon gar nicht bei oberflächlicher Betrachtung skalierter Bilddateien am Computermonitor. Ihren ganzen Reiz entfalten die Bilder der DP1s als großzügige Fotoprints. Dann springt einen die Qualität der Bilder förmlich an. Das Zusammenspiel von Schärfe, Dynamik, Farbwiedergabe und Tiefenwirkung ist oftmals nur mit einem einzigen Wort zu beschreiben: wow!

Aber auch am Monitor lässt sich schon vieles erahnen. Was mir bei so ziemlich allen Bildern auffällt, ist z.B. der Himmel. Ich habe mich daran gewöhnt, bei korrekter Belichtung des Vordergrunds den Himmel im Hintergrund als eine undifferenzierte helle Fläche zu entstellen. Das ist mit der Sigma geradezu unmöglich. Die DP1s zeichnet den Himmel durch, wo es überhaupt nur geht. Das springt nicht unbedingt auf den ersten Blick ins Auge, wird aber im Vergleich mit den Ergebnissen anderer Kameras umso deutlicher. Das spricht für einen beachtlichen Dynamikumfang der DP1s.

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Der Himmel wirkt beinahe wie nachträglich ins Bild hinein kopiert. Es handelt sich aber nicht um einen Kunstgriff der Software.

Als Hauptkamera hatte ich die Panasonic GF1 mit an der Nordsee. Mit dem durchaus nicht schlechten Kit-Zoom 14-45mm steht ja ein vergleichbarer Weitwinkel zur Verfügung. Im direkten Vergleich muss sich diese Kombination jedoch klar geschlagen geben. Die Sigma DP1s macht unter kontrastreichen Lichtbedingungen vollkommen mühelos und auf Anhieb die besseren Bilder. Und das ist keine Frage der Auflösung oder der Nachbearbeitung, sondern der durch den Sensor eingefangenen Daten.

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Die Panasonic GF1 im Vergleich. Hier war eine starke Nachbearbeitung der Bilddatei nötig, um überhaupt etwas Zeichnung in den Himmel zu bekommen. Auch nicht schlecht, aber die Sigma DP1s macht mehr aus solchen Situationen.

Typisch für die Bilder der DP1s ist eine nur schwer zu beschreibende Tiefenwirkung. Das Zusammenspiel von Vordergrund und Hintergrund wirkt nicht einfach nur harmonisch, sondern fast schon plastisch. Dies ist eine Bildwirkung, die man gerne den hochwertigen Objektiven von Carl Zeiss nachsagt. Das Motiv ist auf undefinierbare Art und Weise präsent, fast greifbar. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sigma ein wirklich gutes Objektiv in die DP1 eingebaut hat, insbesondere auch in Hinblick auf die Abstimmung mit dem Foveon Sensor.

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Schafe auf dem Deich. Nicht gerade ein gelungenes Foto, aber eben doch mit einer gewissen Bildwirkung.
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Schöne Tiefe. Trotz großer Schärfe eine fast pittoreske Bildwirkung.

Gerade dieses letzte Bild erinnert mich in seiner Kombination von Schärfe und Tiefenwirkung an eine Kamera, die ich im Grunde ähnlich bewerten würde wie die Sigma DP1s, ich meine die Canon Canonet QL17 GIII, von der ich hier bereits ein Foto gezeigt hatte. Ähnlich wie die DP1s war auch die Canonet gewöhnungsbedürftig und mit einigen Schwachpunkten versehen, aber die Bildergebnisse gehörten immer zum Besten der analogen Kleinbildfotografie.

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Blick aufs Meer.

Und damit ist es schon an der Zeit für ein Fazit dieses kleinen Erfahrungsberichts. Man hasst sie, man liebt sie – ganz bestimmt lässt sie einen nicht kalt: die Sigma DP1s. Was die technische Schnittstelle und Bedienbarkeit der Kamera betrifft, so muss man klar sagen, dass Sigma hier hinter der Konkurrenz zurückbleibt. Man mag kaum glauben, dass es sich um ein aktuelles Kameramodell handelt, schon gar nicht um eins, das sich an den ambitionierten Fotografen wendet, der unter Umständen mit hochgeschraubten technischen Erwartungen zu einer Kamera greift.

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Ärger und Enttäuschung verstummen jedoch angesichts der fotografischen Leistungen, zu welchen diese etwas veraltet wirkende Kamera in der Lage ist, denn die Fotos der DP1s können regelrecht verzaubern. Und eben daran muss sich eine Kamera messen lassen. Von den technischen Voraussetzungen her ist die DP1s für bestimmte Motive nicht geeignet, beispielsweise für die Sport-, Tier- oder Portraitfotografie – sie ist aber auch nicht dafür konzipiert. Ihre Stärke ist ganz klar die Landschaftsfotografie. Weite und Tiefe sind ihre Domäne, und da macht ihr so leicht keine andere etwas vor – erst recht nicht zu dem Preis, für den die Sigma DP1s inzwischen zu kaufen ist.

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5 thoughts on “Erfahrungsbericht: Sigma DP1s – unzeitgemäße Schönheit

  1. Sven von Klass

    Ich konnte die DP2 einen Tag auszuprobieren – Farben und Auflösung, einfach fantastisch – kein Vergleich mit meiner alten Kamera (Sensor 1/1,63″) …

  2. TSC

    Ich kann nur zustimmen 🙂
    Seit einem Jahr fotografiere ich nun DP2 und seit einem Monat auch DP1S…. für ein Spottgeld neu erstanden. Beide liefern bei überlegtem Einsatz „Klasse-Rohdaten“ -gewissermaßen digitale Negative-.
    Sowohl in Farbe als auch in S/W kommt man so mit dem -die FOVEON Eigenheiten berücksichtigenden Entwicklungswerkzeug-„SPP-Software“ zu wirklich beeindruckenden Ergebnissen in einer Qualität, die zumindest meine Erwartungen an das Bildergebnis bzw. den fotografischen Ausdruck häufig übererfüllt :-). So etwas macht süchtig.
    Mir macht das Fotografieren mit diesen beiden Digitalkameras deshalb wieder Spaß, weil der Gestaltungsspielraum, um den andere vergleichbar kleine Exemplare den Nutzer mit Simpeleinstellungen und Matschdatenspeicherung (jpg) betrügen, voll erhalten bleibt.
    Dies in Verbindung mit einem Sensor, der in jedem Farbkanal (R,G,B) 2652×1768= 4,68MPixel bietet. Im Grünkanal (schärfeeindruckbestimmend) entsprechen diese in der Anzahl denen eines 9,37 Mpix-BAYER-Sensors, im Blau und Rotkanal steht dieselbe Anzahl Pixel zur Verfügung, die ein 18,75 Mpix BAYER-sensor aufweisen würde….
    Kein Wunder, daß der Betrachter dieses Mehr an Farbpräsenz deutlich und positiv wahrnimmt.
    Interessant übrigens ist auch die Tatsache, das die SPP-Software eine Abspeicherung der „entwickelten“ Fotos im doppelten Sensorformat, also 5304×3536=18,75 MPix anbietet 🙂

  3. […] Marco Schwinning – Erfahrungsbericht: Sigma DP1s – magische Schönheit des Unzeitgemäßen […]

  4. Sivel

    Ich fotografiere seit ein paar Jahren mit der dp1s. Nachdem ich die ersten raws mit der sigma eigenen Software photopro entwickelt hatte, verkaufte ich meine Nikon D200. Die Sony alpha meiner Frau liegt seitdem auch nur noch in der Ecke, von Kompaktkameras ganz zu schweigen.
    Sagenhafte Bilder! Selbst auf Leinwand vergrösserte Fotos dieser Kamera (ca. 90 x 40 cm) strotzen nur so vor Details. Für das Motiv ist man natürlich weiterhin selbst veranwortlich. Warte auf den Preisverfall der quattro Modelle 😉

  5. Lars Uhlig

    Dieser Post hat mich dazu gebracht meine Dp1s wieder herauszukramen – vielen Dank!
    Ein Vergleich zu den neueren Dp1 quattro Modellen wäre interessant. Glaube gar nicht, dass die unbedingt besser sind.

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