Erfahrungsbericht: Canon Canonet QL17 GIII

Dieser Erfahrungsbericht handelt von einer Kamera, die ich nicht mehr besitze. Vor einigen Monaten habe ich mein schönes Exemplar verkauft, aber ich erinnere mich immer wieder gerne an dieses ausgezeichnete fotografische Werkzeug, und der Eindruck, den die Canonet im Laufe der Jahre bei mir hinterlassen hat, ist stark genug, um darüber zu schreiben.

canonet_01_miko
Die Canon Canonet QL17 GIII – der Name ist für sich genommen schon ein Gedicht.

Bei der Canonet handelt es sich um einen echten Klassiker der analogen Fotografie. Was auf den ersten Blick wie eine durchschnittliche Kompaktkamera aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung der technischen Daten als ausgereifte und hochwertige Sucherkamera, die zwar nicht als Leica-Konkurrenz konzipiert wurde, aber doch ansatzweise in diese Richtung zielt, nur eben massenkompatibel. Immerhin wurde die Canonet bis 1982 mehr als 1,2 Millionen mal gebaut – und auch an den Mann oder die Frau gebracht.

Um es gleich zu Beginn klar zu sagen: der Massenmarkt um 1980 herum muss ein anderer gewesen sein als heute. Kameras mit robustem Metallgehäuse und lichtstarker Spitzenoptik platzieren sich heute im High-End-Segment und sprechen meist den eher anspruchsvollen Fotoamateur an. Mit der Canonet geschieht das gewissermaßen posthum. Sie erzielt heute noch stolze Gebrauchtpreise und ist dabei weniger für Sammler interessant (es gibt eben zu viele Canonets) als für ernsthafte Fotografen. Ach ja, sie ist übrigens Made in Taiwan. Damals schon.

ruegen-12_miko
Die meisten Fotos mit der Canonet sind auf der Ostseeinsel Rügen entstanden – so auch dieses. Die Feuersteinfelder bei Mukran.

Was die Canonet QL17 GIII im Vergleich zum Leica M-System nicht bietet, sind Wechselobjektive. Die Canonet verfügt über ein fest eingebautes Objektiv mit einer größten Blende von 1.7 und 40mm Brennweite. Ist das ein Nachteil? Wohl kaum, denn dieses Objektiv ist – mit nur kleinen Einschränkungen – wirklich ganz hervorragend. Es bildet sehr scharf ab, liefert ausgezeichnete Kontraste, und die Farbdarstellung kann man einfach nur als sensationell bezeichnen.

ruegen-6_miko
Wenn schon Rügen, dann doch bitteschön die Kreidefelsen.

Die einzige nennenswerte Schwäche des Objektivs ist seine Anfälligkeit für Störlicht. Es ist nicht wirklich dramatisch und macht sich allenfalls unter extremen Lichtbedingungen bemerkbar, z.B. mit fünfeckigen Reflexen. Alles in allem lässt die Optik nichts zu wünschen übrig. Der etwas ungewöhnliche Durchmesser des Filtergewindes (48mm) ist zwar lästig, wenn man unbedingt Filter aufschrauben oder sein Glück mit einer Gegenlichtblende versuchen will, aber für einen Punkteabzug reicht das natürlich nicht.

canonet_02_miko
Ein Spitzenobjektiv: 1.7/40mm, schlicht betitelt als Canon Lens.
ruegen-7_miko
Und gleich hinterher ein Foto mit Gegenlicht und ohne sichtbare Störungen.

Die technischen Daten der QL17 nehmen sich wenig spektakulär aus. Eine kürzeste Verschlusszeit von 1/500s, eine Höchstempfindlichkeit von ISO 800 – noch nicht einmal einen Ein/Aus-Schalter besitzt die Kamera (man schaltet den Belichtungsmesser aus, indem man einen Deckel aufs Objektiv setzt). Und für die Stromversorgung benötigt man jene berüchtigte Quecksilber-Zelle PX625 (1,35V), welche bestenfalls noch als dubioser Import zu bekommen ist.

Die Kamera kann aber auch mit einigen positiven Werten glänzen. Neben dem manuellen Belichtungsabgleich bietet sie dem zur Bequemlichkeit neigenden Fotografen immerhin die für Canon typische Blendenautomatik an, d.h. man wählt eine Verschlusszeit vor,die von der Kamera mit der passenden Blendenöffnung ergänzt wird. Das funktioniert sehr gut, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat.

ruegen-10_miko
Blende egal – Hauptsache, es ist nicht verwackelt. Nicht nur praktisch, sondern auch sehr zuverlässig: die Blendenautomatik der QL17.

Eine weitere Besonderheit, die noch weitaus gewöhnungsbedürftiger erscheint, aber erstaunlich gut funktioniert, ist das so genannte Quick Load System zum vereinfachten Einlegen des Films (ja richtig, wir haben es ja mit einer Kamera für Kleinbildfilm zu tun). Dieses System erschien Canon bedeutend genug, um Eingang in die Namensgebung der Kamera (und der ganzen Serie ähnlicher Kameras) zu finden: QL17 (Quick Load – die 17 dient als Hinweis auf die Lichtstärke des Objektivs).

canonet_08_miko
Quick Load System der QL17.

Was soll ich sagen – es funktioniert! Ich hatte mit dem Einfädeln von Kleinbildfilmen niemals echte Probleme, aber was Canon sich damals (bereits 1966 mit der FT QL) mit dem Quick Load System einfallen ließ, hatte tatsächlich Hand und Fuß und darf wohl als Vorbild für viele nachfolgende Einlegevereinfachungen insbesondere von Kameras mit motorisiertem Filmtransport gelten.

Höhepunkt der technischen Errungenschaften aber ist für mich der Copal Zentralverschluss. Wer meint, eine Leica M6, M7 oder MP sei leise, sollte ruhig einmal der Canonet lauschen. Deren Auslösegeräusch ist geradezu beglückend: ein geschmeidiges Klick, nichts weiter. Wenn überhaupt.

ruegen-5_miko
Das muss am Kap Arkona sein. Herbst.

Ich habe noch gar nicht erwähnt, dass die QL17 überhaupt nur als Notlösung mit auf Rügen war. Eigentlich wollte ich eine kleine Contax-Ausrüstung mit der G1, dem Zeiss G Sonnar 2.8/90 und dem Zeiss G Planar 2/45 mit auf die Reise nehmen, aber wie das Schicksal so spielt, das Planar hatte ich kurz zuvor erst im Internet erworben, und die Gemütlichkeit des Verkäufers sorgte dafür, dass es nicht mehr rechtzeitig bei mir eintraf. Also entschied ich mich kurzfristig für die Canonet, mit der ich bis dahin noch gar nicht fotografiert hatte. Ich wusste nicht, ob sie überhaupt etwas taugt. Nun, jedenfalls fuhr ich mit zwei Kameras in den Urlaub: mit der Canonet QL17 und der Contax G1 mit Zeiss G Sonnar 2.8/90. Im Nachhinein kann ich sagen: eine Traumkombination.

ruegen-9_miko
Netter Hintergrund für die junge Dame.

Fokussiert wird bei der Canonet mit Hilfe eines Mischbild-Entfernungsmessers. Da muss man manchmal schon sehr genau hinschauen, zumal der Sucher nicht gerade eine Offenbarung ist, aber mit etwas Übung sitzt der Fokus präzise. Tja, der Sucher. Er ist nicht besonders hell, nicht besonders groß, aber man kann sich mit ihm arrangieren. Immerhin erleichtert der Parallaxenausgleich die Wahl des korrekten Bildausschnitts mit dem eingeblendeten Sucherrahmen. Schön ist auch die Anzeige der automatisch gewählten Blende bei Blendenautomatik. Warum allerdings bei manueller Belichtung überhaupt nichts angezeigt wird, weiß Canon allein. Vermutlich dachte man damals, dass, wer partout manuell belichten will, mit Sicherheit einen separaten Belichtungsmesser bei sich trägt und nicht auf die Belichtungsmessung der Kamera zurückgreifen wird. Mir erscheint das zu kurz gedacht. Hilfreich wäre die Anzeige einer Blendenempfehlung, um wenigstens einen Orientierungswert zu haben. Aber früher konnten Fotografen die optimale Blende/Verschlusszeit-Kombination eben noch schätzen.

ruegen-3_miko
Keine Ahnung, was das hier ist, und wie es hierher kommt.
ruegen-8_miko
Wald und Meer.

Das Fotografieren mit der Canonet QL17 GIII hat wirklich Spaß gemacht. Ich wusste ja damals noch nicht, wie gut die Fotos würden. Obwohl die Kamera auch ihre Schwächen hat, war der Akt des Fotografierens mit ihr die reine Freude. Deshalb ist die QL17 für mich nicht bloß irgendein technisches Gerät – sie ist und bleibt die Kamera, mit der ich Rügen im Bild festgehalten habe. Dass ich sie inzwischen verkauft habe, ändert nichts an meiner Einstellung zu ihr. Es gibt bessere Kameras, bequemere, schönere, schnellere – aber es gibt keine Kamera, mit der ich bessere Bilder hätte machen können.

canonet_04_miko
Lebewohl, meine Konkubine.

Related posts

4 thoughts on “Erfahrungsbericht: Canon Canonet QL17 GIII

  1. Ich durfte mir mal diese Canonet leihen und habe damit einen Film belichtet. Die Haptik war toll und wenn man mit nur einer Brennweite auskommt, würde ich sie sogar einer Leica M vorziehen, allein schon aus wirtschaftlichen Gründen.

    Allerdings hatte ich, bzw. der Belichtungsmesser, Probleme bei Gegenlichtaufnahmen. Na gut, Hand auf’s Herz, solche Situationen sollte man eh vermeiden 😉

    Grüße
    Dieter

  2. […] nehme eine Kamera mit Selbstauslöser stellt die ausgetüftelte Scharfstelldingens auf unendlich und geht […]

  3. Alexander von Seld

    Danke für den ausführlichen Bricht. Ich werde mir wohl auch in den nächsten Wochen eine ql17 zulegen.
    Was für einen Film haben sie für die Beispielfotos benutz?

  4. Marco Schwinning

    Hallo Alexander,

    als Film kam damals – und das ist tatsächlich schon ca. 13 Jahre her – ein Kleinbildfilm von Polaroid (oder zumindest unter diesem Label zum Einsatz): Polaroid High Definition mit einer Empfindlichkeit von 100 ISO. Zwar ist der Film erstaunlich grobkörnig, aber Farbe und Tiefenwirkung fand ich immer sehr beeindruckend – gerade im Zusammenspiel mit der Canonet.

    Gruß, Marco

Leave a Comment