Die Nikon FM2 – eine Liebeserklärung

Als ich vor kurzem eine Nikon FM2 erwarb, um meine D700 analog zu ergänzen, war dies nicht meine erste Begegnung mit dieser Kamera. Bereits vor gut zehn Jahren, also als die FM2 zumindest offiziell noch in Produktion war, habe ich mit ihr fotografiert, ersetzte sie aber bald durch eine FM3A.  Nun bin ich wieder bei der FM2 gelandet, und es ist an der Zeit, diese klassische Kamera angemessen zu würdigen.

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Nikon FM2

Dabei würde ich gar nicht unbedingt von Liebe auf den ersten Blick sprechen – es handelt sich eher um eine wieder aufgefrischte, gereifte Beziehung, die ihren Reiz dem Hauch von Zeitlosigkeit verdankt, der dieses feinmechanische Schätzchen umweht.

In einer Zeit, da die Bedienung durchautomatisierter Fotocomputer zur Lebensaufgabe geworden zu sein scheint, mutet es seltsam an, sich dem Purismus einer vollmechanischen Spiegelreflexkamera anzuvertrauen. Wie bescheiden nimmt sich die FM2 als Filmhalter mit mechanisch gesteuerter Verschlusszeit und eingebautem Belichtungsmesser neben einer digitalen Allzweckwaffe vom Format einer D700 aus.

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Entfernte Verwandte: Nikon FM2 und D700.

Nicht nur, dass auf den ersten Blick die unterschiedlichen fotografischen Konzepte erkennbar sind (das war bereits im Vergleich zu den damaligen analogen Spitzenmodellen F4 und F5 zu sehen – die F3 steht der FM2 noch recht nah), vielmehr ist – auf einer geradezu philosophischen Ebene – auch die Auffassung von Technik und ihrer Verwendung, wie sie sich in den beiden Kameramodellen manifestiert, gänzlich verschieden.

Was bei beiden am Ende heraus kommt, ist schlicht und ergreifend ein Foto, nicht mehr, nicht weniger. Aber wie elegant ist es doch, ein Bild einfach bloß mit einer passenden Kombination von Blende, Verschlusszeit und Filmmaterial zu belichten, wie es mit der FM2 der Fall ist, wogegen man bei einer hochgezüchteten DSLR immer den Eindruck hat, man müsse erst einmal viel Zeit für die Konfiguration des Geräts aufbringen, bevor man sich überhaupt dem Motiv zuwenden kann. Damit will ich nichts gegen das Ergebnis sagen. Digitale Spiegelreflexkameras liefern inzwischen berauschend gute Fotos, gerade auch im High-ISO-Bereich, der für die analoge Fotografie soetwas wie einen exotischen Ausnahmezustand markiert. Aber der Weg zum Ziel erscheint mitunter dermaßen umständlich, dass die Lust am Fotografieren auf der Strecke zu bleiben droht.

Dabei muss man keinesfalls hoffnungslos nostalgisch sein, um sich an der mechanischen Reinheit der Nikon FM2 zu erfreuen. Es ist gleichsam, als würde man für einen Tag das Auto in der Garage lassen und alle Wege zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren. So als ließe man sein Handy, seinen Computer, seinen Fernseher einfach ausgeschaltet. Und was dann? Ist unser Leben plötzlich schwieriger, langweiliger, farbloser geworden? Im Gegenteil, nachdem man eine Weile all den Dingen nachgetrauert hat, die man zu versäumen glaubt, stellt man fest, wie erholsam und befreiend es sein kann, wenn unsere Welt ein Stückchen kleiner wird. In der Beschränkung gewinnt unser Leben wieder an Bedeutung.

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Nackte Schlichtheit.

Zurück zur FM2. Einziges elektronisches Bauteil der Kamera ist der Belichtungsmesser. Puristen werden das für ein Hintertürchen des Teufels halten, denn bekanntlich kann man auch ohne ständige Belichtungsmessung bzw. mit einem separaten Belichtungsmesser vernünftig fotografieren. Wer so viel Zeit mitbringt, auf Automatikprogramme zu verzichten, kann sich durchaus etwas eingehender mit der richtigen Belichtung beschäftigen, zumal es gerade bei der Verwendung von Negativfilmen keiner hundertprozentigen Genauigkeit bedarf. Wer sich an den Umgang mit einem Handbelichtungsmesser gewöhnt hat, kommt damit schnell und sicher auf den Punkt. Freunde des Mittelformats und des guten, alten Lichtschachtsuchers wissen davon ein Lied zu singen.

In der Kleinbildfotografie dagegen spricht einiges dafür, durch die Integration des Belichtungsmessers in das Kameragehäuse weiteren Platz in der Fototasche einzusparen. Wenn man sich die bescheidene Größe einer FM2 vor Augen hält, ist das durchaus keine schlechte Errungenschaft. Mich jedenfalls stört dieser Anflug von Elektronik in einer ansonsten mechanischen Kamera nicht, und so greife ich gern und ganz undogmatisch auf das Angebot zurück.

Die Anzeige der Belichtungswerte funktioniert bei der FM2 übrigens auf zweierlei Weise, sozusagen hybrid. Zunächst werden ganz mechanisch Blende und Verschlusszeit im Sucher eingespiegelt (natürlich sind sie auch am Blendenring des Objektivs und am Verschlusszeitenrad der Kamera direkt ablesbar – digitale Spiegelreflexkameras benötigen dafür in der Regel ein weiteres Display). Für den eigentlichen Belichtungsabgleich mit den ermittelten Belichtungswerten steht eine Digitalanzeige mit 3 (in Worten: drei) LEDs zur Verfügung, die eher annähernd Überbelichtung, richtige Belichtung oder Unterbelichtung anzeigen. Das funktioniert einfach, schnell und zuverlässig ungenau. Interessanterweise geht die FM3A in diesem Punkt noch einen Schritt weiter zurück, indem sie den Belichtungsabgleich ganz analog per Zeigerausschlag umsetzt, was insofern aber genauer ist, als es auch den Grad der Über- oder Unterbelichtung anzeigt. Mit den drei LEDs der FM2 ist das nur begrenzt möglich.

Die Nikon FM2 ist robust konstruiert. Diese Robustheit verdankt sich nicht allein dem kompakten Gehäuse aus einer Aluminium-Legierung, sondern gerade auch dem Verzicht auf elektronischen Schnickschnack. Es gibt überhaupt nur wenige Bedienelemente, keine überflüssigen Knöpfe oder Räder, kein Display, keine Automatikprograme oder Individualfunktionen. Mann gewinnt den Eindruck, dass an einem dermaßen aufs Nötigste reduzierten Kameragehäuse nicht viel kaputt gehen kann.

Nun könnte man die FM2 glatt für eine altmodische Kamera halten. Abgesehen davon, dass das durchaus keine Beleidigung ist und dass filmbasierte Kameras inzwischen generell als obsolet gelten dürfen, muss man sich Folgendes vor Augen führen. Die FM2 wurde in einer Zeit fortschreitender Elektrifizierung bewusst auf mechanische Zuverlässigkeit hin konstruiert (ganz konkret im Gegensatz bzw. in Ergänzung zu ihrem damaligen Schwestermodell, der elektronischen FE2). Sie kam 1982 als Nachfolger der Nikon FM auf den Markt und wurde bis ins Jahr 2000 hinein mit nur leichten Modifikationen produziert – 18 Jahre sind aus heutiger Sicht eine unvorstellbar lange Produktionsspanne und sprechen klar für die Beliebtheit der Kamera.

Die FM2 beschränkt sich aber nicht nur auf mechanisches Understatement, sondern kann als vollwertige Systemkamera gelten. Sie bietet Anschlussmöglichkeiten für einen Motor zum automatischen Filmtransport und für eine Datenrückwand. Die Einstellscheiben sind auswechselbar, Spiegelvorauslösung (z.B. für Makro-Aufnahmen) ist per Selbstauslöser möglich, per Abblendhebel kann die zu erwartende Schärfentiefe beurteilt werden, und die kürzeste Verschlusszeit beträgt stolze 1/4000 Sek.

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Selbstauslöser und Abblendhebel.

Letzteres muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, schließlich haben wir es hier mit einem mechanisch gesteuerten Verschluss zu tun. Zum Vergleich: Leica brachte es mit der M6, MP und M7 (elektronisch) gerade mal auf 1/1000 Sek.  Nun kann man mit einigem Recht an der Genauigkeit einer derart kurzen, mechanisch erzeugten Verschlusszeit zweifeln, und auch die fotografische Notwendigkeit einer Viertausendstel Sekunde liegt nicht zwingend auf der Hand – aber in der Praxis ist das eben eine nette Reserve nach unten hin, und ansonsten darf man das getrost als technologisches Ausrufezeichen auffassen: Performance pur!

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Kein Scherz: 1/4000s, mechanisch gesteuert.

Wie schon erwähnt, kann man bei der FM2 die Einstellscheibe wechseln. Das ist ein willkommenes Feature. Gerade wenn man vorzugsweise Architektur oder weite Landschaften fotografiert, ist eine Mattscheibe mit Gitterlinien hilfreich. Grundsätzlich neige ich jedoch zu der Ansicht, dass die als Standard verwendete Einstellscheibe über jeden Zweife erhaben ist. Sie ist angenehm hell, verfügt über die klassischen Scharfstellhilfen eines Mikroprismenrings mit Schnittbildindikator und zeigt mit einem schlichten Kreis den Schwerpunkt der mittenbetonten Belichtungsmessung an. Ganz ehrlich, mehr kann man sich bei der Verwendung lichtstarker, manueller Objektive nicht wünschen.

Deshalb ist die FM2 auch heute noch erste Wahl, wenn es darum geht, mit hochwertigen manuellen Objektiven Fotos auf Film zu bannen. Und an solchen Objektiven herrscht wahrlich kein Mangel. Ob man nun auf altbewährte Nikkore zurückgreift oder sich lieber mit neuen Linsen von Zeiss oder Voigtländer vergnügt – die FM2 ist ein ideales Werkzeug für jene, die gerne auf technologischen Ballast, nicht aber auf fotografische Höstleistungen verzichten. Am Ende liegt die ganze Kontrolle in den Händen des Fotografen – was könnte man Schöneres über eine Kamera sagen.

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Nikon FM2 mit Zeiss Planar 1.4/50 – ein tolles Team.

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10 thoughts on “Die Nikon FM2 – eine Liebeserklärung

  1. Sehr schön geschriebene Liebeserklärung 🙂

    Ich habe selber eine FM2n und bin insofern zufrieden, bis das es mal schneller gehen muss. Ich überlege für eine FM3A um zumindest für diese Augenblicke gewappnet zu sein, bin aber noch unschlüssig.

    Beste Grüße

  2. Rüdiger

    Gestern habe ich die FM2 aus dem Schrank geholt, ein bißchen gegoogelt und auf deinen schönen Text hin gleich ein paar Filme gekauft.

  3. helmutkrauß

    Kamera sehr gut! Schreibe noch besser! Gratuliere! Selbst nach der unendlichen zeitlichen Spanne von 2 Jahren liest sich das immer noch als aktueller Beitrag.

    Gruß – auch ganz altmodisch analog – ohne fazebuk+zwitter.

    Helmut

  4. Fritz Elvers

    Sehr guter Kommentar !

    Wenn ich längere Zeit auf meine Ausrüstung verzichten muss, kommt aber immer die FM2 mit.

    Jedoch mit Nikkor-Objektiv 1.4/50 oder Micro-Nikkor 2,8/50. Deine Anregung bezüglich „Zeiss Planar“ werde ich verfolgen.

    Die FM2n (mit AlMg-Verschluss!) ist, solange es noch Filme gibt, die in jeder Hinsicht perfekte Kamera, auch wenn der Sucher nicht das ganze Bild zeigt. Ein mechanisches Meisterstück! Die 1/4000 s soll sogar sehr genau sein.

    Und: Bei hellem Hintergrund versagen Automatiken nach wie vor. Für mich sind sie jedenfalls verzichtbar, solange es ohne Blitz geht.

    Ich würde mir von Nikon eine digitale Rückwand o.ä. für die FM-Serie wünschen.

    Beste Grüße aus Frankfurt/M.

    .

  5. Matthias

    Gratulation, ein schönes „Porträt“ der FM2! Ich habe früher vor der Digitalära viel mit der F2 und F3 fotografiert, dann schlief das Hobby jahrelang, bis ich vor einigen Wochen meine Ausrüstung wieder vorholte. Die F3 war technisch völlig i. O., bei der F2 muss ich nur noch Dichtungen und Spiegeldämpfer erneuern lassen. Als Immer-dabei-Kamera habe ich mir noch eine FG mit E-Series mit 50mm 1: 1.8 zugelegt. Und mit einem Mal macht Fotografieren wieder Freude! Mit der FM2 liebäugele ich übrigens auch, und deine Begeisterung für diesen schönen Apparat kann ich voll und ganz vestehen. Ich nur empfehlen, das alte analoge Equipment wieder hervorzuholen, die Freude ist unbezahlbar!

    Gruss aus der Schweiz
    Matthias

  6. Vielen Dank für den schönen und nach wie vor gültigen Beitrag. Ich besitze meine FM2n seit 1999, als ich sie für eine Himalaya-Expedition erstand. Die Leica und diverse Mittelformate von Rollei und Mamiya kamen und gingen, doch dieses kleine mechanische Wunderwerk leistet mir seitdem treue Dienste und hat mich unter extremen Bedingungen in den Eis- und Sandwüsten dieses Planeten nie im Stich gelassen. Die blinde Vertrautheit hat sich mit keinem anderen Kameramodell wiederholt, auch nicht mit der wirklich exzellenten D800, die sich nun auch schon seit ein paar Jahren in meiner Tasche findet. On the road you can’t beat a Nikon FM2 with a 1.4/50 or 2.8/35!

  7. Regin Reuschel

    Diese Beurteilung der FM2 hat mich soeben bestärkt, mir diese Kamera jetzt noch einmal anzuschaffen – sie wäre ja fast in Vergessenheit geraten. Aber da sind eben ihr perfekter Auslöser, ihr superschöner Sucher, das batterieunabhängige Arbeiten mit diesem famosen Verschluss, die nicht übertriebene Miniaturisierung und eine absolute Robustheit und Zuverlässigkeit unter allen Arbeitsbedingungen. Auf den klobigen Motoransatz verzichte ich indes gern und beschränke mich auf kurze, kompakte Brennweiten.

    Beste Grüße aus der Region Hannover-Nord
    RR

  8. Daniela

    Hallo, ich habe von mein Vater eine Nikon FM2 bekommen, leider funktioniert sie nicht. Der Transportmechanismus und Belichtungsmesser sind kaputt. Kann mir jemand sagen ob ich in Köln bzw. Wien sie reparieren kann oder ist sie schon gestorben?

    Hoffentlich kann mir jemand helfen,
    Liebe grüsse 🙂

  9. Andreas Heindl

    Hallo Daniela,
    leider habe ich Deine Anfrage erst heute entdeckt. Ich hatte auch lange Jahre eine FM2, warum habe ich sie eigentlich weggegeben? Ihre elektronische Schwester, die FE2 habe ich mir wieder gekauft. Für München hätte ich eine Adresse, nämlich Foto Wiener in der Landwehrstrasse. Fast ein Fossil in dieser Zeit, repariert aber alles. Darüberhinaus gibt es hier noch die Fa. Dostal und Herbolzheimer, der offizielle Werkskundendienst für Nikon. Alles halt eine Preisfrage, die FM2 liegt in gutem Zustand (beim Händler) zwischen 2 und 300 €, Nikons sind im Gegensatz zu fast allen anderen Oldies noch „richtig“ was wert. Also doch ein Neukauf?
    Viel Spaß weiterhin mit hoffentlich funktionierendem Gerät!
    Viele Grüße aus München,
    Andreas Heindl

  10. Matthias

    Auch schreibst, wie viele andere, das sich dir der Sinn der 1/4000sec nicht erschließt. Die 1/4000sec ist im Grunde genommen ein Abfallprodukt der 1/250sec Blitzsyncro. Es gibt zwei Möglichkeiten diese Zeit kurz zu halten. Einmal über den Weg und über die Geschwindigkeit. Der Nikon Verschluss läuft horizontal ab, dies ist der kurze Weg über den Film, zum anderen ist es durch Hightec Materila gelungen die Bewegten Massen sehr leicht zu halten, dadurch wird die hohe Ablaufgeschwindigkeit möglich. Dabei hat man gleich noch Verbesserungs Potential für die Zukunft, verkleinert man den Belichtungsspalt kann man theoretisch die nächst kürzere Zeit die 1/8000 realisieren.
    Ich finde diese kurzen Zeiten nicht überflüssig, leider fehlt es häufig an genug Licht um sie einzusetzen.
    Matthias

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