Wo ich (noch immer) lebe – Teil 3

Man macht sich keine Freunde, wenn man über den Ort, an dem man lebt, sagt, er sei nicht schön. Holten ist nicht schön, aber vielleicht wird man mir diese Nestbeschmutzung nachsehen, wenn ich hinzufüge, dass es sich hier dennoch leben lässt. Schließlich kann man sich auch im Mangel bestens einrichten, in der Abwesenheit dessen, wonach man sich sehnt.

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Zufluss der Ruhrchemie-Kanalisation in die Emscher.

Was die Fotografie über die bloße Fähigkeit, das Wirkliche abzubilden, erhebt, ist einerseits die Tatsache, dass jenes bestimmte Wirkliche gar nicht existiert, und andererseits der Umstand, dass der fotografische Blick keineswegs unserem alltäglichen Sehen entspricht. In der Szene oben beispielsweise ist mir die Spiegelung der Bäume und des Himmels im Wasser erst auf dem Foto überhaupt aufgefallen, einfach weil ein derart ätherisches Bild nicht meiner gewohnten Vorstellung vom Aussehen der Emscher entspricht. So hilft uns die fotografische Technik mitunter auf die Sprünge – eine Form der Bewusstseinserweiterung, die gänzlich ohne Drogen auskommt.

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Man achte auf das hintere Fenster.

In diesem Sinne kann Fotografie unsere Wahrnehmung schärfen, unter Umständen sogar bis hin zur Manipulation unseres Blicks. Allerdings würde ich nicht so weit gehen wollen, meinen Holtener Fotos eine so suggestive Kraft zuzuschreiben. Unbestreitbar aber arbeiten diese Fotos an dem zunächst abstrakten Begriff der Schönheit: sie variieren ihn, füllen ihn gewissermaßen mit Leben, so dass mein Urteil über die fehlende Schönheit Holtens an Bedeutung verliert – quod erat demonstrandum.

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Großes Theater auf kleiner Bühne.

Auch ein paar technische Hinweise seien erlaubt. Wieder einmal war ich mit der Nikon FM2 unterwegs, als Objektiv kam ausschließlich das Zeiss Distagon 2/35 ZF.2 zum Einsatz – eine Kombination, die ohne jede Einschränkung Spaß macht, wie man den Fotos hoffentlich ansieht. Als Film habe ich erneut einen bereits verfallenen Agfa CT Precisa 100 Diafilm verwendet, den ich im Großlabor entwickeln und scannen ließ.

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Die alte Eiche, hier als unscharfer Hintergrund in Szene gesetzt.

Das Zeiss Distagon ist ein perfekter Allrounder. Es ist bereits bei Offenblende sehr scharf und dabei mit Blende 2.0 auch noch recht lichtstark. Die Brennweite von 35mm, welche am Kleinbildformat einen ganz leichten Weitwinkel ergibt, ist für eine Vielzahl von Motiven verwendbar, selbst Personen können noch ohne die für stärkere Weitwinkelobjektive typischen Verzerrungen abgebildet werden. Dass ich die Bildwirkung von Zeiss-Objektiven liebe, habe ich sicherlich bereits an anderer Stelle erwähnt.

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Der herbstliche Kinderspielplatz im Park am Kastell.
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Im Revierpark Mattlerbusch.

Eine besondere Stärke des Objektivs ist meines Erachtens der Nahbereich (einstellbar ab 0,3m). Nicht dass das Distagon etwa Makro-Qualitäten hätte, dafür sind andere Objektive selbstverständlich besser geeignet. Aber durch die Verbindung von Offenblende und Nahbereich lassen sich schöne Unschärfeeffekte erzielen, die ein an sich schlichtes Motiv spürbar aufwerten. Nebenbei bemerkt, das Zeiss Distagon 2/35 verfügt über ein ausgezeichnetes Bokeh.

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Nahbereich mit Offenblende – ein fast abstraktes Bild.

Die restlichen Fotos sind auf dem evangelischen Friedhof in Holten entstanden. Gerade im Herbst üben Friedhöfe eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. Wenn man nicht gerade durch den unwirschen Lärm völlig überflüssiger Laubsauger oder Laubgebläse aufgeschreckt wird, ist im Herbst die sonst schon erfreuliche Ruhe der Toten noch ein wenig ruhiger.

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3 thoughts on “Wo ich (noch immer) lebe – Teil 3

  1. Ich bin ebenfalls ein großer Zeiss-Fan und habe da eine Frage: An der Nikon mittels Adapter – ist da Arbeitsblendenmessung möglich, also wird das Licht vom Belichtungsmesser korrekt gewessen, trotz Abblenden?

    Ich weiss, dass es an Canon Kameras so ist und funktioniert, aber an meiner F3 z.B. nicht, dort habe ich es mit alten Non-AI/S Nikkoren getestet.

    Wenn es mittels Adapter an der FM2 funktioniert, wäre das schön, ich habe noch ein Zeiss Distagon (25mm) hier „rumliegen“.

    Grüße
    Dieter

  2. Marco Schwinning

    Hallo Dieter,

    da ich das aktuelle Zeiss 2/35 ZF.2 mit Nikon-Bajonett (und sogar eingebautem Chip) nutze, kann ich zu einer Lösung mittels Adapter nicht viel sagen. Die aktuellen Zeiss ZF und ZF.2 Objektive funktionieren natürlich mit Offenblendenmessung, die ZF Version mit mechanischer und die ZF.2 Version mit elektronischer Springblendenübertragung – so zumindest verstehe ich den Unterschied.

    Ich nehme mal an, bei deinem Distagon handelt es sich um ein älteres Objektiv mit Contax Anschluss? Mit Adapter sollte doch grundsätzlich die Arbeitsblendenmessung funktionieren, da es sich dabei zunächst um eine rein mechanische Angelegenheit handelt. Wo allerdings die Grenzen der Belichtungsmessung bzw. Belichtungsgenauigkeit liegen, kann ich nicht sagen. da fehlen mir einfach die Erfahrungswerte. Tatsächlich habe ich noch nie Fremdobjektive an Nikon Kameras adaptiert – wenn schon, dann umgekehrt.

    Schöne Grüße,

    Marco

  3. Hallo Marco,

    zuerst einmal: Ich hatte gestern sagenhaftes Glück und bei meinem lokalem Fotohändler ein Zeiss Distagon 2,8:35mm in wirklich neuem Zustand für sage und schreibe 99 Euro kaufen können.

    Das erklärt jetzt auch, was für ein Bajonett die Objektive haben: Das Contax/Yashica Najonett, ich bin noch aus der manuell zu fokussierenden Welt.

    Das 25er und 50er Distagon benutze ich mittels Adapter an meiner Canon 5D. Leider habe ich mit dem 35er etwas Probleme: Bei Offenblende bleibt der Spiegel am Blendenhebel des Objektivs hängen, was faszinierend ist: Lege ich die anderen beiden Zeiss-Gläser daneben, kann ich keinen Unterschied feststellen, was den Blendenhebel angeht.

    Zum Theme Nikon: Da spielt wohl das Auflagenmaß die entscheidende Rolle, man kann eigentlich nichts adaptieren, außer Nikon selbst und im Gegensatz zu Canon funktioniert keine Arbeitsblendenmessung im Zeitautomatikmodus – alles muss manuell eingestellt werden.

    Grüße
    Dieter

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