Viel Lärm um nichts: Fuji X100 und Sigma SD1

Als die interessantesten Ankündigungen der Photokina 2010 ausgerechnet von Fujifilm und Sigma kamen, konnte man zu dem Schluss gelangen, das der Markt für gehobene Fototechnik endlich wieder in Bewegung gerät. Die Fuji X100 und die Sigma SD1 erschienen als entscheidende Schritte in Richtung Fotografie-Erlebnis (X100) und Bildqualität (SD1). Nun, da die X100 in den Verkauf gelangt und die SD1 verbindlich angekündigt wurde, macht sich plötzlich ein neues Gefühl breit: Ernüchterung.

Die Fuji X100 hat sich inzwischen einigen Tests unterwerfen müssen, und wie es aussieht, sorgt die intensive Auseinandersetzung mit der Kamera für eine gewisse Bodenhaftung. Da werden dann andere Aspekte ins Blickfeld gerückt, als auf den Datenblättern oder in den Werbekampagnen zu finden sind. Hier springen nicht mehr nur das klassische Design, die ebenso klassisch anmutende Schnittstelle und der Innovative Hybridsucher ins Auge. Vielmehr müssen Technik und Ästhetik sich in der Testpraxis beweisen, und da kommt es unter der Lupe selbsternannter Experten eben doch schnell zu Abstrichen.

Nun fällt nicht mehr so sehr die hohe Lichtstärke des fest verbauten Objektivs ins Gewicht, sondern der vermeintliche Mangel an Schärfe und Kontrast bei Offenblende, gepaart mit dem beschränkten Nutzen einer Festbrennweite, die zu allem Überfluss auch nicht gewechselt werden kann.

Vielen erscheint die vorab gefeierte Option, zwischen elektronischem und optischem Sucher umschalten zu können, inzwischen als überflüssig, weil die Nachteile des optischen gegenüber dem elektronischen Sucher überwiegen – wozu also überhaupt ein optischer Sucher, der im Nahbereich eh unbrauchbar ist, wogegen der elektronische Sucher immer gleichbleibend gut 100% des tatsächlichen Bildes zeigt?

Und dann auch noch der langsame Autofokus. Ich weiß nicht, ob es für die Anwendungszwecke einer kompakten Sucherkamera mit Weitwinkel-Festbrennweite wirklich auf die Geschwindigkeit des Autofokus ankommt, aber bei einer japanischen High-End-Kamera zum Preis von etwa 1000 Euro empfindet man eine merkliche Behäbigkeit wohl zwangsläufig als wenig standesgemäß. Zu allem Überfluss weist die X100 auch noch Schwächen bei der manuellen Fokussierung auf, die eben – pfeif‘ auf Retro! – elektronisch, nicht mechanisch gesteuert wird.

Nun, bei aller Kritik, die nun laut wird, bleibt die Fuji X100 dennoch eine hervorragende Kamera mit edlem Design und exzellenter Bildqualität. Sie ist lediglich in der Wirklichkeit angekommen – mit anderen Worten, wir haben aufgehört sie uns als Traumkamera auszumalen.

Ähnliches steht der Sigma SD1 noch bevor, d.h. im Grunde durchlebt sie es bereits, noch bevor sie auf dem Markt erscheint. Just heute hat Sigma in einer Pressemitteilung nähere Informationen zu Preis und Verfügbarkeit der SD1 herausgerückt. Demnach soll sie ab Juni verfügbar sein, und zwar zum stolzen Preis – und hier muss man sich das Poltern all der Leute vorstellen, die gleichzeitig von ihren Stühlen gekippt sind – von EUR 7499,00! Noch rücksichtsloser kann man wohl kaum aus seinen Träumen gerissen werden, wobei anzumerken ist, dass es ja nicht etwa einzelne Fotografen trifft, die sich einen solchen Preis nicht leisten können oder wollen – nein, es trifft tatsächlich die gesamte Gemeinde der bis dato treuen Sigma-Anhänger.

Denn mal ehrlich, Sigma Kameras dürften vorzugsweise in Kreisen anspruchsvoller Hobbyfotografen verbreitet sein. Und beinahe jede dieser gutmütigen Seelen wird damit geliebäugelt haben, in absehbarer Zukunft die über Jahre hinweg bewiesene Treue dadurch belohnt zu sehen, endlich eine Kamera ihr Eigen nennen zu dürfen, mit der man neben einer coolen Canon oder Nikon nicht belächelt wird.

Tja, dieser Traum ist dann wohl wie eine Seifenblase geplatzt. Willkommen im Alltag, ihr lieben Sigmarianer mit eurer billigen SD15, SD14 oder gar SD10 und SD9! Wer sich vor kurzem eine durchaus aktuelle SD15 für 500 bis 600 Euro gekauft hat, wird sicherlich nicht das mehr als Zehnfache für eine SD1 hinblättern – er gehört einfach nicht zur Zielgruppe der SD1. Pech gehabt!

Wen Sigma nun zur Zielgruppe erkoren hat, ist allerdings auch den Experten schleierhaft. Laut Pressemitteilung denkt man da an die bisherigen Nutzer des digitalen Mittelformats. Das ist, gelinde ausgedrückt, starker Tobak. Das digitale Mittelformat ist an sich schon eine Nische: rein professionelle Studiofotografie. Aber in diese Nische mit einer Kamera eindringen zu wollen, welche nur über einen APS-C Sensor mit seinen Einschränkungen (Crop-Faktor, größere Schärfentiefe, begrenzte Dynamik) verfügt, das wirkt nachgerade abstrus.

Wie kommt Sigma da wieder heraus? Wohl eher gar nicht, es sei denn, man korrigiert den Preis umgehend nach unten und beruft sich auf ein Missverständnis oder einen Tippfehler – aber dieser Zug ist längst abgefahren. Welches Forum man auch durchstöbert, die Sigmarianer sind vor den Kopf gestoßen und in Aufruhr. Wohlgemerkt, das sind diejenigen, welche bisher Kameras der Marke Sigma gekauft haben – trotz aller erdenklichen Mängel oder Einschränkungen.

Aber wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her – und sei es aus der eigenen Fantasie. Schließlich kann niemand sich vorstellen, das Sigma, seine Käufer dermaßen brüskiert. Kaum ist man vor Schreck aus den Socken gekippt, hofft man bereits wieder, dass womöglich eine gegenüber der SD1 abgespeckte (wie denn?), aber erschwingliche SD16 (oder wie auch immer) in den Startlöchern steht, die eine Brücke zu den Fans schlägt. Aufwachen! Es gibt diese Kamera doch längst schon: die SD15. Mehr ist meiner Meinung nach vorläufig nicht drin.

Vielleicht ist der astronomische Preis der SD1 ja in Wirklichkeit nur ein interessanter Schachzug der Marketing-Abteilung, um uns Sterblichen die SD15 wieder schmackhaft zu machen. Denn wer hätte jetzt, in Erwartung der SD1 noch Geld für eine SD15 ausgegeben? Nun sind die Karten neu gemischt, die SD15 wirkt so erschwinglich, so real.

Vielleicht will Sigma die SD1 noch gar nicht verkaufen, sondern lediglich Zeit gewinnen, bis die Kamera serienreif ist. Es wäre immerhin möglich, dass hinter den Kulissen Probleme schwelen, von denen der unbedarfte Fotograf gar nichts ahnt. Und in der Zwischenzeit heizt man mit Fantasiepreisen eine hitzige Diskussion an, wie sie in dem Ausmaß wohl noch keine Kamera erlebt hat – noch nie war Sigma so sehr in aller Munde.

Als Schachspieler weiß ich, dass vermeintlich interessante Züge nicht selten von der Realität eingeholt und widerlegt werden. Genau das könnte auch Sigma passieren.

Viele sahen in der SD1 Sigmas letzte Chance, den Großen der Branche ein Stück vom Kuchen abzuknabbern. Einige Anspruchsvolle werden in Erwartung des neuen Foveon Sensors der SD1 von Investitionen in bewährte Systeme von Canon, Nikon oder auch Sony, Olympus und Pentax abgehalten worden sein – zu Unrecht, wie sich nun zeigt. Man kann sich denken, dass die adäquate Reaktion kaum darin bestehen wird, noch recht lange auf eine womöglich sehr gute Kamera mit überzogenem Preis zu sparen, wenn man andere sehr gute Kameras schon jetzt und zu einem weitaus geringeren Preis vom bereits Ersparten kaufen kann, ohne auf ein neues Auto verzichten zu müssen.

Ich will nicht weiter über die Beweggründe der Verantwortlichen bei Sigma und mögliche Reaktionen enttäuschter Sigmarianer spekulieren. Es genügt vielleicht, wenn ich ein wenig von mir selbst erzähle.

Klar, die Sigma SD1 erweckte auch in meiner Vorstellung den Anschein, eine interessante und begehrenswerte Kamera zu sein. Das ist nun angesichts der Preispolitik Sigmas überhaupt kein Thema mehr. Wenn ich bereit wäre, so viel Geld für eine Kamera zu bezahlen, hätte ich mir längst eine Leica M9 zugelegt. Tatsächlich ist die M9 durch die hoffnungslos überteuerte SD1 sogar in größere Nähe gerückt, als sie jemals gewesen ist – sie erscheint ja geradezu als ein Sonderangebot. Die Nikon D700, meine bisher teuerste Anschaffung, wird im Nachhinein zum echten Schnäppchen. Tja, und meine kürzlich erst erworbene Sigma SD15 habe ich dann wohl geschenkt bekommen.

Mit der Fuji X100 ist es kaum anders – wobei der Preis noch halbwegs akzeptabel sein könnte. Ich besitze bereits Kameras, die wunderbare Ergebnisse erzielen und in manchen Belangen sogar den neuen Traumkameras überlegen sind. Warum sollte ich nicht ohne X100 glücklich sein? Schließlich fotografiere ich gerne mit der Olympus E-P1 und der Sigma DP2s, sogar an einer Kamera für knapp 30 Euro kann ich mich erfreuen.

Letztlich sind auch die vermeintlichen Traumkameras keineswegs perfekt, und vor allem sind sie nicht unentbehrlich. Ich denke, unsere geplatzten Träume geben uns die Gelegenheit, uns mit dem anzufreunden und auszusöhnen, über das wir bereits verfügen. Besinnen wir uns also auf das, was vor unserer Nase liegt. Insbesondere Sigma kann man für diese wahrhaft zen-buddhistische Lektion nur dankbar sein.

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One thought on “Viel Lärm um nichts: Fuji X100 und Sigma SD1

  1. Dipl.-Ing. Kurt Löw

    Meine Hochachtung!
    Ein in gutem Deutsch geschriebener, ruhiger und nicht anzüglicher Kommentar zur
    Sigma SD 1. Nach fiebrigem Suchen nach Tests und reviews der SD 1 tat es mir gut, Ihren Kommentar zu lesen.
    Jetzt bin auch ich wieder auf dem Boden und freue mich über meine Nikon D700 und meine DP1. Vielleicht lasse ich mir bei sigmacumlaude in den USA eine SD15 mit einem Nikon Bayonett ausrüsten. Damit kann ich ruhig auf alles warten, was an besseren Kameras auf die Welt kommt…
    Kurt Löw

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