Grau in grau in grau – Urlaub von der Farbe

Die digitale Fotografie hat uns neben den Diskussionen um Megapixel, Rauschen und Kompaktheit vor allem eines beschert: ziemlich bunte Welten. Nie zuvor war es dermaßen einfach, die Farben der im Foto festgehaltenen Wirklichkeit gezielt und beinahe beliebig zu manipulieren. Ob das ein Fluch oder ein Segen ist, sei dahingestellt. Eine der größten Herausforderungen der digitalen Bilderflut besteht allerdings darin, auf die suggestive Macht der Farbe zu verzichten.

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Sigma DP1s: Blende 8, 1/60s bei ISO 200.

Nicht immer ist Farbe der Weisheit letzter Schluss. Es gibt Motive, die sind selbst bunt noch farblos, der Aufwand einer intensiven Nachbearbeitung der Farben lohnt sich nicht bzw. die Farbsubstanz eines Bildes bietet nicht genügend Spielraum für eine wirkungsvolle Manipulation. So wie vielleicht in diesem Fall.

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In Farbe bleibt dieses schlichte Foto der Emscher recht blass und nüchtern – das ist ja auch kein Wunder: trübes Licht, ein völlig undramatisches Motiv und ein wenig spektakulärer Bildaufbau tragen nicht gerade dazu bei, ein Foto interessant zu machen.

Dagegen besitzt die Aufnahme in schwarzweiß eine gewisse Wucht und Dynamik, die mit dem Farbbild meiner Meinung nach nicht zu erzielen gewesen wären, ohne es zu verfremden. Der Schwarzweißfotografie ist eine leichte Verfremdung stets inhärent, die Verfremdung ist ein Teil ihres Wesens. Das soll jedoch nicht heißen, dass der Verzicht auf Farbe mit einer Abkehr von der Realität einhergeht. Vielmehr lenkt sie unsere Aufmerksamkeit auf das Wirkliche unter der Oberfläche.

Doch dieser Artikel soll kein mehr oder weniger philosophisches Selbstgespräch zum Thema Farbe oder nicht werden. Er soll im Grunde nur meine eigene Suche dokumentieren: meine Suche nach einer Möglichkeit, im Zeitalter des digitalen Farbenrauschs schwarzweiß zu fotografieren.

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Sigma DP2s: Blende 3.2, 1/125s bei ISO 100.

Die Portraitfotografie kann auf Farbe meist verzichten, zumal die Wiedergabe von Hauttönen ohnehin ein kritischer Aspekt digitaler Fotografie ist. Natürlich gibt es inzwischen diverse Motivprogramme, Art-Filter und Farbmodi, die speziell für Portraits entwickelt wurden. Der Effekt besteht oft darin, Farbsättigung, Kontrast und eventuell sogar Schärfe zu reduzieren. Doch selbst dann werden Hauttöne nicht immer gut getroffen. Warum also nicht Protrait in schwarzweiß fotografieren bzw. sie nachträglich umwandeln?

Im Bild oben z.B. lag der Verzicht auf Farbe nahe, denn das bunte Motiv auf dem T-Shirt drohte gerade durch die Farbigkeit vom Hauptmotiv abzulenken – und das trotz des starken Gesichtsausdrucks.

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Sigma DP2s: Blende 3.2, 1/160s bei ISO 200.

Hier wäre die orangefarbene Schlauchspitze ein hübsches Signal gewesen, doch eigentlich dominiert hätte der grüne Rasen. Daher der Verzicht auf Farbe.

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Sigma DP2s: Blende 5.0, 1/80s bei ISO 100.

Und hier war es der Farbton des Pullovers (lachsrosa), der mir Kopfzerbrechen bereitete. Ein schlichtes Grau kann mitunter sehr erholsam für die Augen sein.

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Sigma DP2s: Blende 2.8, 1/160s bei ISO 100.

Manchmal ist es einfach eine Frage der Stimmung. Der Verzicht auf Farbe trägt auf dezente Art und Weise zu einer leichten Tristesse bei, die dem Bild oben überhaupt erst sowas wie eine Aussage verleiht.

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Sigma DP2s: Blende 5.0, 1/40s bei ISO 100.
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Sigma DP2s: Blende 2.8, 1/60s bei ISO 100.
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Sigma DP2s: Blende 2.8, 1/100s bei ISO 100.
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Sigma SD15 mit 1.4/50: Blende 1.4, 1/200s bei ISO 100.

Manchmal hilft die schwarzweiße Nüchternheit dabei, einen Moment nicht unnötig zu romantisieren oder kompensiert die störenden Effekte schwierigen Mischlichts wie in der Aufnahme unten.

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Sigma SD15 mit 2.8/70-200: Blende 2.8, 1/200s bei ISO 1600.

Warum nicht von Zeit zu Zeit mal auf einen strahlend blauen Himmel verzichten?

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Sigma DP2s: Blende 11, 1/160 bei ISO 100.

Ein Hauptaspekt der farblosen Fotografie besteht vielleicht darin, Alltägliches und Unscheinbares ansehnlich werden zu lassen. Man könnte sagen: Schwarzweißfotografie erschafft unter entsprechenden Umständen Motive, die in Farbe gar nicht vorhanden waren. Allerdings muss man ergänzen, dass es umgekehrt ebenso funktionieren kann, nur ist das nicht Thema dieses Artikels gewesen.

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Sigma SD15 mit 1.4/50mm: Blende 2.0, 1/100s bei ISO 50.
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Sigma DP2s: Blende 2.8, 1/50s bei ISO 400.
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Sigma DP2s: Blende 8.0, 1/80s bei ISO 200.
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Sigma SD15 mit 3.5/180 Macro: Blende 4, 1/500s bei ISO 100.
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Sigma DP2s: Blende 4,1/2000s bei ISO 100.
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Sigma DP1s: Blende 11, 2/60s bei ISO 100.

Es steckt zwar durchaus keine systematische Absicht dahinter, aber alle Fotos in diesem Artikel sind mit Sigma Kameras entstanden: DP1s, DP2s und SD15 (mit verschiedenen Objektiven). Die RAW-Dateien wurden zunächst in Sigma Photo Pro 4.2.2 entwickelt und dann in Adobe Photoshop Elements 8 weiter verarbeitet. Die Konvertierung in schwarzweiß erfolgte mit Silver Efex 2 von Nik Software.

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3 thoughts on “Grau in grau in grau – Urlaub von der Farbe

  1. marc

    nette bilder marco, erinnert mich an silver efex pro v2, oder hdr efex pro mit monochrome settings 😉 hast du via PS & SEP bearbeitet, oder einfach das X3F raw mittels SPP?

    gruß,
    marc

  2. Marco Schwinning

    Hallo Marc,

    steht eigentlich alles im letzten Absatz: RAW-Entwicklung mit SPP, danach Endbearbeitung mit Silver Efex Pro 2.0 in Photoshop Elements. Ich denke, für s/w-Kovertierung gibt es momentan nichts Besseres.

    Gruß, Marco

  3. Lars

    Guter Artikel, und trifft sich mit meinen Erfahrungen. Ich nutze eine Merrill DP1 und verzichte sehr oft auf Farbe, allein weil die Rekonstruktion der Farben aufwendig ist wenn es kritische Farbbereiche gibt. Und bisher ist mir keine Kombination untergekommen, welche besser S/W Ergebnisse erzählt hätte.

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