Frischer Wind bei Sigma – oder nur ein laues Lüftchen?

Es mag bloßer Zufall sein, aber kaum ist der frühere Chef und Firmengründer Michihiro Yamaki gestorben, bringt dessen Sohn Kazuto Yamaki frischen Wind in die Kamerasparte des Familienunternehmens. Das gilt insbesondere in Hinblick auf die erdrutschartige Preisanpassung der SD1, deren unverbindliche Preisempfehlung in Deutschland mal eben von EUR 7499,00 auf fast schon günstige EUR 2099,00 gesenkt wird.

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Die neue Sigma SD1 „Merrill“ – baugleich mit der SD1.

Eine derartige Preissenkung ist an sich keine schlechte Sache, zumal sich damit der tatsächliche Verkaufspreis in etwa den Erwartungen vor Erscheinen der ursprünglichen SD1 angleichen dürfte. Sigmas Preispolitik scheint also wieder bei der eigentlichen Stammkundschaft anzukommen.

Dennoch mischen sich ins Frohlocken auch leichte Zweifel. Zum Beispiel könnte eine Frage lauten, ob es die besagte Stammkundschaft, als Zielgruppe der neuen SD1 überhaupt noch gibt.

Zusächst sei aber noch einmal darauf hingewiesen, dass die nun angekündigte und wohl ab März erhältliche Sigma SD1 „Merrill“ (der Name steht als Reminiszenz an den 2008 verstorbenen Entwickler des Foveon-Sensors) bis auf einen kleinen Schriftzug auf dem rückseitigen Display mit der vor kaum mehr als einem halben Jahr auf den Markt gebrachten SD1 vollkommen identisch ist. Es handelt sich demnach um reine Preiskosmetik und nicht um ein Modell-Upgrade (oder eher Modell-Downgrade).

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Richard Merrill, Entwickler des Foveon-Sensors, als Pate der SD1.

Ob dieser neue Kampfpreis nun wirklich durch Senkung der Produktionskosten möglich wurde, einer Panikattacke angesichts aktueller Konkurrenz geschuldet ist (ich denke vor allem an die Ankündigung der Nikon D800 mit 36MP im Kleinbildformat für weniger als EUR 3000,00) oder vielleicht doch als eine Reaktion auf die Unruhen und Proteste im Lager der ehedem so treuen Sigmarianer gewertet werden kann, sei dahingestellt.

Wie aber ist es nun, im Jahr 2012, um die Stammkundschaft Sigmas bestellt? Wer soll, wer wird die vergünstigte SD1 „Merrill“ kaufen?

Die Spannung war riesig, als Sigma die SD1 auf der photokina 2010 vorstellte. Sämtliche Hobbyfotografen mit einer Schwäche für den typischen Foveon-Look träumten davon, endlich eine Spiegelreflexkamera von Sigma mit ihrem Lieblingssensor bei zeitgemäßer Auflösung und professionellen Spezifikationen erweben zu können. Um so größer, geradezu niederschmetternd, war die Enttäuschung, als dann nach einiger Zeit die Preisgestaltung bekannt wurde, denn mit ihrer UVP. von EUR 7499,00 zielte die SD1 allenfalls auf professionelle Kundschaft und wurde auch entsprechend vermarktet: als handliche Alternative zu unerschwinglichen Mittelformat-Systemen. Fraglich, ob man diese neue Kundschaft mit der SD1 tatsächlich erschließen konnte. Mit Sicherheit jedoch war dies ein Schlag ins Gesicht des größten Teils der Nutzer von Sigma-Kameras. Denn die vorherigen Digitalkameras (SD9, SD10, SD14, SD15) waren weitaus weniger bei Berufsfotografen als vielmehr bei ambitionierten Hobbyfotografen verbreitet. Von diesen konnte sich aber kaum einer eine Kamera zu dem veranschlagten Preis leisten. Es war, als hätte Sigma über Nacht die bisherige Kundschaft aus der weiteren Entwicklung ernstzunehmender Kameras ausgeblendet.

Aus dieser Enttäuschung heraus haben womöglich viele der bis dahin überzeugten Sigma-Kunden der Firma den Rücken gekehrt und sind nach dem Verkauf ihrer Objektive mit Sigma-Anschluss ins Vollformat-Lager von Nikon, Canon oder Sony gewechselt, die allesamt zu deutlich geringeren Preisen weitaus moderne Kameras und zudem eine größere Objektiv-Palette im Programm haben. Von diesen Wechslern wird man eine Rückkehr zu Sigma-Produkten und damit einen erneuten Systemwechsel wohl nicht erwarten dürfen.

Potenzielle Neueinsteiger in die Spiegelreflexfotografie dagegen werden mit der Marke Sigma kaum jemals in Berührung kommen – zu dominant sind die Marktpositionen insbesondere von Canon und Nikon. Und vermutlich ist für einen Neueinstieg auch der jetzt angekündigte Preis der SD1 noch viel zu teuer.

Ein echter Markt ist für die SD1 nicht auszumachen. Nicht mehr, möchte ich ergänzen. Es scheint beinahe so, als sei der Zug abgefahren. Sigma hat im vergangenen Jahr die vielleicht einmalige Chance verpasst, einen echten Coup zu landen und sich als ernsthafte Konkurrenz zu den großen Kamerasystemen einen Namen zu machen. Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, wirkt das Bemühen um Schadensbegrenzung kaum noch glaubwürdig.

Dennoch wird die SD1 einige Käufer finden. Vielleicht gehört sogar der Verfasser dieser Zeilen dazu. Manch einer wird sich seinen angekratzen Traum von der ultimativen Foveon-Kamera trotz des bitteren Beigeschmacks gewissermaßen nachträglich erfüllen. Nicht jeder Enttäuschte wird gleich seine gesamtes Equipment aus Wut verhökert haben. Und wer noch gute Ojektive mit Sigma-Anschluss besitzt, wird ihnen bereitwillig die angemessene Kamera spendieren. Es gibt also noch Kunden für die SD1, nur die vor einem Jahr noch möglich erscheinende Breitenwirkung dürfte für längere Zeit – womöglich für immer – außer Reichweite sein.

Etwas optimistischer kann man wahrscheinlich Sigmas Neuankündigung im Bereich der Kompaktkameras sehen. Mit der DP1 „Merrill“ und der Dp2 „Merrill“ präsentiert Sigma neue Kompaktkameras, die zwar in der Tradition der bisherigen Dp1- bzw. Dp2-Reihe stehen, aber mit dem nun integrierten Sensor der SD1 eine echte Neuentwicklung darstellen.

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Sigma DP1 „Merrill“, kurz: DP1m.

Großer Sensor in kleinem Gehäuse – das ist nach wie vor ein Erfolgsrezept. Zumindest muss man die Leistungsfähigkeit des Sensors der SD1 nicht in Zweifel ziehen. Die bisherigen Modelle der Dp1 und Dp2 waren mit Objektiven bestückt, die hervorragend an den „alten“ Foveon-Sensor angepasst waren, wie er noch in der Dp1x, DP2x und SD15 verbaut wurde. Man darf hoffen, dass Sigma auch bei den Neurechnungen der Objektive keine Kompromisse eingegangen ist,  dann bekäme man ein kompaktes Gehäuse mit einem fantastischen Sensor und einem ideal abgestimmten Objektiv: ein durchaus konkurrenzfähiges Gesamtpaket.

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Die Sigma DP2 „Merrill“, kurz: DP2m.

Allerdings ist die Konkurrenz groß und stark. Gerade jetzt erscheinen mit der E-M5 von Olympus und der Fuji X1 Pro zwei vielversprechende Systemkameras mit semiprofessionellem Anspruch. Zwar könnte man argumentieren, dass sowohl Olympus als auch Fuji mir ihren Neuvorstellungen ein anderes Marktsegment anvisieren: eben den der Systemkameras mit Wechselobjektiven im Gegensatz zu den fest verbauten Objektiven der Dp1m und Dp2m.

Die Frage lautet aber vielmehr, warum man sich überhaup noch auf eine Kompaktkamera mit Festbrennweite festlegen und damit beschränken sollte. Ober anders formuliert: Hat womöglich Sigma auch in diesem Fall am Trend des Marktes vorbei entwickelt? Wenn man ohnehin in Neuentwicklung investiert hat, warum hat man dann nicht gleich ein einziges kompaktes Kameragehäuse entwickelt, welches mit Wechselobjektiven ausgestattet wird – also eine eigene spiegellose Systemkamera mit Wechselobjektiven? Kein so abwegiger Gedanke, wie ich finde, schließlich wird er schon seit Jahren in den entsprechenden Foren diskutiert. Nur bei Sigma selbst scheint diese Diskussion nicht stattgefunden zu haben.

Nun, was nicht ist, kann ja noch werden. Möglicherweise werden DP1m und DP2m auch so zu kommerziellen Erfolgen. Das hängt allerdings nicht zuletzt von den Verkaufspreisen bei ihrer Markteinführung ab, über die zu diesem Zeitpunkt noch spekuliert werden darf.

 

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3 thoughts on “Frischer Wind bei Sigma – oder nur ein laues Lüftchen?

  1. Schön wieder etwas Neues von dir zu lesen, Marco. 🙂 Wenn ich das „Kleingeld“ hätte,
    wäre die SD1m samt passendem Glas schon längst bestellt, habe es seinerzeit auf dpreview
    gelesen, dass die SD1m wesentlich günstiger wird, dachte erst an einen Scherz. 🙂

    Viele Grüße
    Marc

  2. Marco Schwinning

    Hallo Marc,

    das nötige Kleingeld wird mir wohl auch erst einmal fehlen, außerdem darf man getrost davon ausgehen, das der nun empfohlene Verkaufspreis den Marktbedingungen entsprechend noch weiter nach unten korrigiert wird – aber auch das dauert dann wieder einige Monate, und wer will das eigentlich aussitzen? Am Ende steht man womöglich mit einer Kamera da, die schon ein längeres Weilchen auf dem Markt ist und gewisse Macken bzw. einfach technische Begrenzungen mitbringt.

    Mit dem jetzt angekündigten Preis als Startpreis vor einem Jahr hätte Sigma für einigen Wirbel auf dem DSLR-Markt gesorgt. Aber wenn ich mir jetzt vorstelle, was für ein (ausgereiftes) Technik-Monster die Nikon D800 sein wird, dann sehe ich den Stern der Sigma SD1 im rasanten Sinkflug. Letztlich wird sie doch nur ein weiteres Nischenprodukt sein. Selbst eine fast schon uralte Nikon D700 ist noch immer attraktiv, einfach weil sie unglaublich ausgereift ist und sich über einen langen Zeitraum bewährt hat: ein digitaler Klassiker, der die SD1 in vielen Belangen alt aussehen lässt.

    Aber die Entwicklung schreitet unaufhörlich voran. Ich weiß nur nicht, ob Sigma da mitziehen kann. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das Konzept der DP1 und DP2 den Markt heute noch überzeugen kann. Die Konkurrenz hat ja nicht geschlafen. Wenn ich da an die neue Generation spiegelloser Systemkameras denke, erscheint mir Sigmas Angebot zu konservativ. Was will man denn gegen eine Sony NEX-7, eine Panasonic GX1, eine Olympus E-M5 oder gar eine Fuji X-1 Pro vorbringen: bessere Performance, Ausstattung, Flexibilität, Bildqualität? Wohl kaum. Der Foveon-Sensor als Alleinstellungsmerkmal weist nach wie vor seine Schwächen auf – die Vorzüge dagegen fallen kaum ins Gewicht. Gerade dem neuen Sensor wird ja der Foveon-Zauber vielfach abgesprochen.

    Bei aller Sympathie und Neigung sehe ich also durchaus auch Grenzen der Machbarkeit bei Sigma. Anders ausgedrückt, es gibt eben viele Alternativen: teilweise teurer, teilweise günstiger.

    Gruß, Marco

  3. Hans

    Aktuell könnte man eventuell sogar noch den Vorteil haben, dass man SA-Objektive gebraucht wirklich günstig bekommt. Wenn die SD1m dann mal auf dem Markt ist, wird das anders aussehen.
    Mittlerweile dürfte sich aber doch der ein oder andere geärgert haben sein Sigma-Equipment nach bekanntgabe des SD1-Preises verkauft zu haben.

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