Was wir bloß erahnen – unscharfe Schönheit

Mehr denn je verlassen wir uns auf die Schärfe unseres Blicks. Unsere Augen fordern von einem Bild konkrete Anhaltspunkte zur Sinnstiftung in Form klar erkennbarer Fokussierungen. Ob es sich um eine durchweg scharfe, detailreiche Landschaftsaufnahme oder um ein Portrait mit nur geringer Tiefenschärfe handelt – stets vertrauen wir darauf, anhand der Schärfeführung eines Fotos zum Verständnis seiner Botschaft angeleitet zu werden.

Kaum etwas wirkt auf uns verstörender als ein Bild ohne Fokus. Unsere Hilflosigkeit angesichts völliger Unschärfe wurde durch die technischen Errungenschaften der Digitalfotografie wenn nicht erst offensichtlich, so doch durch eine technologische Fundierung weiter verstärkt.

Noch ist der Auflösungswahn bei der Entwicklung neuer Kameramodelle ungebrochen, denn ganz zweifellos ist Auflösung nach wie vor ein Kaufkriterium. Ein Großteil aller Diskussionen in einschlägigen Foren befasst sich mit dem Themenbereich Auflösung, Schärfe oder Fokussierung.

Welche Auflösung hat der Sensor? Wie schnell und wie exakt fokussiert die Kamera? Wie scharf zeichnet dieses oder jenes Objektiv? Wie stark ist der Randabfall der Schärfe?

So unterschiedlich die Aspekte solcher technisch inspirierten Fragen sind, so haben sie doch eines gemeinsam: sie zielen darauf ab, jenes flüchtige Stückchen Wirklichkeit auf möglichst effektive Art und Weise festzuhalten: den unwiederbringlichen Moment.

Doch durch eine solche Herangehensweise wird Fotografie viel zu leicht und im wörtlichen Sinne zum Schnappschuss im Dienste der Erinnerung oder gar Geschichte. Mit der Kamera in der Hand begeben wir uns auf die Suche nach Sinn, Bedeutung und Wert dessen, was wir sehen.

Was wir ignorieren, ist die Flüchtigkeit selbst, das Schwinden der Dinge, die sich dem Zugriff unserer Sammelleidenschaft entziehen. Wir ertragen es nicht, den Blick auf das zu richten, was vor unseren Augen verschwimmt. Wir haben verlernt zu verzichten.

Dabei ist die Abwesenheit einer erkennbaren Schärfeebene weit davon entfernt, ohne Sinn zu sein. Dieser Verzicht dokumentiert vielmehr – auf fotografischer Ebene – einen gänzlich anderen Zugang zur Wirklichkeit: nämlich durch die Tür des Unwirklichen.

Sämtliche Aufnahmen entstanden mit der Sigma DP2x. Um entsprechenden Fragen vorzubeugen: nein, die Kamera ist nicht defekt, sie kann auch scharf, sehr scharf sogar. Nur habe ich bewusst jede gezielte Fokussierung vermieden.

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