Erfahrungsbericht: Sigma 2.8/30 EX DN an der Sony NEX-7

Wochenende, Sonnenschein – eine ideale Gelegenheit, um das nagelneue Sigma 2.8/30 EX DN gleich einmal im Praxiseinsatz an der Sony NEX-7 zu testen. Die Ausgangssituation ist hinlänglich bekannt. Objektive aus dem Hause Sony sind derzeit entweder schwer bis gar nicht zu bekommen oder aber werden allem Anschein nach dem 24MP Sensor der NEX-7 nicht gerecht. Und aus diesem Dilemma soll uns ausgerechnet ein Sigma-Objektiv für knapp EUR 200,00 erlösen?

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Blende 8, 1/200s bei ISO 100.

Ein Wort vorab zum Testverfahren: es gibt keins. Ich verstehe das Interesse an quasi wissenschaftlichen Tests unter vergleichbaren Studiobedingungen, aber dergleichen kann und will ich nicht leisten. Für solche Tests ist vor allem photozone.de die erste Anlaufstelle. Für mich steht der praktische, alltägliche Einsatz eines Objektivs im Vordergrund – was unter Umständen zu sehr subjektiv gefärbten Ergebnissen führen kann.

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Blende 8, 1/400s bei ISO 100.

Ich messe nicht das Auflösungsvermögen eines Objektivs, ich schaue mir nur an, wie scharf es abbildet. Das ist ein entscheidender Unterschied. Auch bewerte ich den sichtbaren Randabfall oder auch die Vignetierung eines Objektivs nicht prinzipiell als schlecht. Jedes Objektiv hat seine Grenzen und sogar Schwachpunkte. Oft ist aber nur entscheidend, wie solche objektiven Mängel mit meiner subjektiven Auffassung vom Fotografieren in Einklang zu bringen sind.

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Blende 2.8, 1/200s bei ISO 100.

Nun gut, schauen wir mal, wohin das führt. Bei dem Sigma 2.8/30 EX DN handelt es sich anscheinend um eine Neukonstruktion unter Verwendung zweier asphärischer Linsen zur Korrektur von Abbildungsfehlern. Es ist neben dem Anschluss für das Sony NEX System auch für den MicroFourThirds-Standard erhältlich und wird wohl auch in der noch nicht erschienenen Sigma DP2 Merrill verbaut. Der Preis ist mit EUR 199,00 erstaunlich günstig – um nicht zu sagen: wenig Vertrauen erweckend.

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Blende 8, 1/125s bei ISO 100.

Ein neu entwickelter linearer AF-Motor soll laut Sigma für präzises und leises Scharfstellen sorgen. Und and diesem Punkt kann ich mich vielleicht mit einer ersten persönlichen Einschätzung einklinken. Der Autofokus ist an der NEX-7 tatsächlich präzise und leise (nicht völlig geräuschlos, aber wirklich sehr leise und fast nicht zu hören). Er ist zudem sehr schnell. Nicht rasend schnell, aber für meine Zwecke völlig ausreichend. Ich gebe zu, meine Ansprüche an den Autofokus einer Kamera sind nicht übermäßig groß. Ich erwarte, dass er funktioniert und mich nicht vom Fotografieren abhält. Darüber hinaus erwarte ich jedoch nicht allzu viel.

Wie man auch an den hier versammelten Beispielbildern sehen kann, fotografiere ich häufig statische Motive, wobei Geschwindigkeit und Treffsicherheit des Autofokus eher zu vernachlässigen sind. Ansonsten sehe ich die reine Sport- und Actionfotografie nach wie vor im DSLR-Lager besser aufgehoben.

Was im Zusammenhang mit dem Autofokus des Sigma 2.8/30 allerdings erwähnt werden kann, ist das Klappern im Innern des Objektivs, wenn es nicht mit Strom versorgt wird (also auch, wenn die Kamera in den Stromsparmodus schaltet). Ohne Strom ist ein Teil des Antriebs lose, wackelt bei Bewegung hin und her und sorgt – auch in den Diskussionsforen – für leichte Irritationen. Ich gehe davon aus, dass dies kein Anlass zur Sorge ist, es fällt eben nur auf.

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Blende 2.8, 1/200s beis ISO 100.

Zur manuellen Fokussierung bzw. zur manuellen Korrektur des Autofokus (wie bei dem Bild mit dem Spinnennetz, oben) verfügt das Objektiv über einen breiten, griffigen Fokussierring mit angenehmer Dämpfung, wenn auch nicht mechanisch ans Linsensystem gekoppelt. Damit lässt sich sehr gut arbeiten. Aber ich weigere mich grundsätzlich, in dieser Hinsicht einen Vergleich etwa mit Leica-Objektiven anzuleiern, die für das manuelle Scharfstellen optimiert sind. Für ein kompaktes Objektiv mit Autofokus ist das Sigma in dieser Hinsicht mehr als adäquat ausgestattet.

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Blende 2.8, 1/4000s bei ISO 100.

Ansonsten sind die technischen Spezifikationen des 2.8/30 natürlich wenig spektakulär. Eine Brennweite von 30mm, die an der NEX-7 45mm Kleinbildformat entspricht, gepaart mit einer größten Blende von 2.8 – das ist solide, lockt aber keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Denn eins ist ja mal klar: wir alle brauchen Objektive mit mindestens 1.4 als Offenblende, und zwar durch alle Brennweiten hindurch! Wie sonst sollen wir in finsterer Nacht fotografieren und obendrein noch ein bezauberndes Bokeh hinbekommen?

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Blende 2.8, 1/80s bei ISO 100.

Bokeh, das ist bekanntlich jene vage Größe, die man am ehesten als ästhetischen Eindruck beschreiben kann, welchen die Unschärfebereiche eines Fotos auf uns machen. Bei Blende 2.8 und 30mm Brennweite sind die Möglichkeiten, ein Motiv freizustellen, also von einem unscharfen Hintergrund oder Vordergrund abzuheben, fast ausschließlich auf den Nahbereich beschränkt. Das ist weder ungewöhnlich noch verwerflich – es ist einfach eine physikalische Gegebenheit.

Das Sigma 2.8/30 EX DN ist in dieser Hinsicht also begrenzt, arbeitet innerhalb dieser Grenzen aber erfreulich gut. Ich empfinde das Bokeh als angenehm, weich und dezent. Die Übergänge von Schärfe zu Unschärfe sind gleichmäßig fließend. Unscharfe Lichtpunkte weren sehr schön diffus aufgelöst. Echte Bokeh-Exzesse sind nicht möglich. Ob das gut, schlecht oder egal ist, soll jeder für sich selbst beurteilen.

Was allerdings oft unterschätzt wird, wenn vom Bokeh die Rede ist, das ist der Einfluss des Bildinhalts. Unabhängig von der Qualität eines Objektivs wird ein unruhiger Hintergrund/Vordergrund oftmals auch ein unruhiges Bokeh erzeugen. Klassisches Beispiel dafür ist das dichte Geäst von Bäumen oder Büschen, welches sich nicht immer bescheiden in Unschärfe zurückzieht. Und mitunter kann ein übertrieben schönes Bokeh sogar vom eigentlichen Bildmotiv ablenken.

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Blende 2.8, 1/125s bei ISO 100.

Kommen wir endlich zu den für Besitzer der NEX-7 wichtigsten Punkten: die Performance am Rand und in den Ecken. Nach allem, was man so hört und liest, dürfte das telezentrische Design des Sigma 2.8/30 EX DN den extremen Anforgerungen des Sensors der NEX-7  zum Rand hin entgegen kommen. Ich will hier keine technischen Details ausbreiten, von denen ich selber keine Ahnung habe. Nach meiner ganz unprofessionellen Einschätzung jedenfalls harmoniert das Objektiv hervorragend mit dem zickigen Sensor.

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Blende 5.6, 1/320s bei ISO 100.

Zunächst einmal kann ich feststellen, dass es selbst bei Offenblende unter realistischen Bedingungen keine störende Vignettierung gibt. Das kann man ganz gut anhand der Bilder mit viel Himmel erkennen.

Entscheidender ist vielleicht das Schärfeverhalten zu den Rändern hin und bis in die Ecken hinein. Hier sieht sich vor allem das schnuckelige Sony Pancake 2.8/16 harscher Kritik ausgesetzt (siehe z.B. die vernichtende Rezension auf photozone.de).

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100% Ausschnitt aus dem Bild oben, Ecke rechts unten.

Das ist für Blende 5.6 schon sehr ansehnlich. Bis auf geringe Farbabweichungen an einigen Kontrastkanten ist die Ecke tadellos. Natürlich soll es auch einige Leute geben, die bereits bei Blende 2.8 perfekte Ecken-Performance benötigen.

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Blende 2.8, 1/400 bei ISO 100. Kamera-JPEG ohne jede Bearbeitung.
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100% Ausschnitt aus dem Bild oben, Ecke links oben.
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Blende 2.8, 1/1600s bei ISO 100. Kamera-JPEG ohne jede Bearbeitung.
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100% Ausschnitt aus dem Bild oben, Ecke rechts oben.

Das ist nicht gut, das ist nicht ok – das ist ganz einfach saustark. An dieser Stelle muss man mal Klartext reden, denn eine solche Abbildungsqualität in den äußersten Bildecken bei Offenblende an einem launischen 24MP Sensor, und dann auch noch zu einem Preis von weniger als EUR 200,00 – das ist geradezu sensationell.

In ersten Tests und auch in Foren las ich, das Objektiv sei für den Preis sicherlich ganz gut. Ganz gut? Dann soll mir doch mal jemand ein Objektiv zeigen, das an der NEX-7 bei Blende 2.8 Vergleichbares, geschweige denn Besseres leistet. Ich kann hier überhaupt keinen praxisrelevanten Randabfall bemerken. Natürlich ist die Schärfe in den Ecken messbar geringer als in der Bildmitte, aber man darf nicht vergessen, dass wir uns hier auf einem sehr hohen Niveau bewegen, denn die Schärfe in der Bildmitte ist phänomenal. Ich behaupte einfach mal, dass das Sigma 2.8/30 EX DN den Sensor der NEX-7 voll ausreizt.

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Blende 2.8, 1/320s bei ISO 100.

Sonys Ehre als Objektivbauer wäre wohl ordentlich angekratzt, wenn Sony überhaupt auf eine entsprechende Tradition zurückblicken könnte. Hier hat Sigma ganz eindeutig Sony in die Schranken gewiesen. Mal eben – fast nebenbei – ein Objektiv zum absoluten Niedrigpreis auf den Markt zu werfen, das in jeder Hinsicht besser ist als sämtliche Konstruktionen des Originalherstellers – damit beweist Sigma souverän, wer in diesem Sektor über das notwendige Know-how verfügt. Mal sehen, wie schnell der zum Lehrling degradierte Riese Sony dazulernt.

Ach ja, und ich habe durchaus vernommen, dass das Zeiss 1.8/24 recht passabel sein soll. Aber es ist eben auch Zeiss und im Vergleich zum Sigma fünfmal so teuer.

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Blende 8, 1/160s bei ISO 100.

Einen Wermutstropfen gibt es natürlich auch. Stichwort: chromatische Aberrationen. Vor allem mit offener Blende kann auch das Sigma 2.8/30 an geeigneten Kontrastkanten deutliche Farbsäume in Richtung lila, purpur, magenta produzieren. Klassisches Beispiel sind die nackten Zweige eines Baums vor sehr hellem Himmel. Um ehrlich zu sein, ich habe gerade kein prägnantes Beispiel zur Hand. Dieser vermeintliche Mangel ist außerdem nicht sehr stark ausgeprägt. Und auch hier gilt: welches Objektiv ist in dieser Hinsicht ohne Fehl?

Ich bilde mir zudem ein, eine leicht tonnenförmige Verzeichnung zu erkennen. Das kann bei kritischen Motiven problematisch werden, ist aber in der Regel recht leicht bei der Bildentwicklung oder sogar schon in der Kamera zu korrigieren (was ich nicht getestet habe). Bei unkritischen, alltäglichen Motiven ist die Verzeichnung irrelevant.

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Blende 5.6, 1/640s bei ISO 100.
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Blende 9, 1/200s bei ISO 100.

Kleines Fazit gefällig? Dem oftmals belächelten Fremdhersteller Sigma ist gelungen, wovon Sony als Inaugurator des NEX-Systems bislang noch träumt: nämlich ein absolut preisgünstiges Standardobjektiv zu konstruieren und auf den Markt zu bringen, das nicht nur ohne echte Schwächen ist, sondern am Sensor der NEX-7 auch noch zu Hochform aufläuft. Das ist eine Spitzenleistung und damit zugleich eine Bereicherung für das NEX-System – wovon wiederum auch Sony profitiert.

Eine nennenswerte Einschränkung wäre allenfalls, dass nicht jeder Fotograf gerne zu einer 45mm Festbrennweite (Kleinbild) mit moderater Lichtstärke (2.8) greift. Wer sich damit wohlfühlt, ist aber mit dem Sigma 2.8/30 EX DN allerbestens bedient. Und daher: uneingeschränkt empfehlenswert.

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Blende 5.6, 1/500s bei ISO 100.
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Blende 2.8, 1/500s bei ISO 100.
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Blende 8, 1/200s bei ISO 100.
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Blende 5.6, 1/60s bei ISO 200.
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Blende 2.8, 1/160s bei ISO 100.
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Blende 8, 1/640s bei ISO 100.
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Blende 2.8, 1/320s bei ISO 100.
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Blende 8, 1/125s bei ISO 100.
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Blende 2.8, 1/250s bei ISO 100.

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6 thoughts on “Erfahrungsbericht: Sigma 2.8/30 EX DN an der Sony NEX-7

  1. Carsten

    Danke für diesen interessanten Bericht.

    Mein 30er Sigma ist heute auch angekommen und ich finde es an meiner NEX-7, dem ersten Eindruck nach, ganz exzellent. Freue mich schon darauf, es am Wochenende intensiver zu nutzen!

  2. Ein wirklich sehr hilfreicher Bericht, insbes. weil es noch nicht viel zu diesem Objektiv im Netz gibt. Ich habe mir auch aufgrund des Artikels das Sigma bestellt!

  3. Ulf

    Danke für den Bericht! Es gibt bisher kaum Material im Web zu diesem Objektiv. Dieser Bericht hat mich ermutigt, das Objektiv zu kaufen. Danke!

  4. Christian

    Vielen Dank für den Bericht. Endlich einmal ein Bericht mit dem man etwas anfangen kann! Die Fakten um die es geht genau auf den Tisch gebracht und sinnlose Beitrage („Kritik“) von Forenzumühler voarb im Keim erstickt! Gratulation! Dieser Beitrag hat auch mit bestärkt, die Sony Nex 7 doch nicht ganz abzuschreiben (aufgrund Objektivauswahl).

    lG Christian

  5. Ken Kamura

    Auch wenn dieses Feedback ein wenig spät eintrudelt, sei’s drum.
    In deiner Review taucht ein Wort auf, das ich im Bezug auf dieses Objektiv lange vermisst habe: ‚Sensationell‘. Eine Linse mit dieser Leistung zu diesem Preis – ich habe für mein neues Exemplar 119€ bezahlt – verdient dieses Prädikat auch aus meiner Sicht (40+ Jahre hinter dem Sucher), nicht nur im Umfeld der teilweise arg schwächelnden Sony Linsen sondern überhaupt.
    Weiter so Sigma & mein tief empfundenes Mitgefühl für die Heerscharen ewiger Nörgler, Kopf’photographen‘ und StatusJunkies.

  6. Gienauer

    Sehr schöner Bericht über ein außergewöhnliches Objektiv zu einem „normalen“ Preis. Es ist zu hoffen, daß Sigma in dieser Richtung weitermacht und uns noch eine ganze Reihe von Objektiven unterschiedlicher Brennweite, aber ähnlicher Qualität präsentiert. Ein 19mm ist ja schon erschienen und soll ähnlich gut sein.Warten wir es ab!

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