Sigmas Neubelebung eines Außenseiters

Natürlich kenne ich nicht die genauen Gründe, warum Sigma sich bei der Entwicklung der DP3 für ein 50mm Objektiv entschieden hat, welches im traditionellen Kleinbildformat einer Brennweite von 75mm entspricht. Es ist aber wohl nicht zu gewagt, wenn ich annehme, dass es sich bei dieser Entscheidung für eine eher wenig gebräuchliche Brennweite durchaus um einen Kompromiss gehandelt haben könnte.
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Da mag Sigmas Marketingabteilung noch so sehr die kompromisslose Qualität des Objektivs rühmen, am Ende dürfte wahrscheinlich die Größe den Ausschlag gegeben haben. Mal ehrlich, das 50mm Objektiv der DP3 ist schon recht groß und lässt die Kamera insgesamt etwas klobig wirken. So richtig kompakt ist das Ganze dann nicht mehr. Und wenn ich mich nicht irre, wäre eine längere Brennweite – wie z.B. das neue Sigma 2.8/60 DN für spiegellose Systemkameras – wohl kaum kleiner ausgefallen. Bei 50mm (75mm Kleinbild) sah man vielleicht so etwas wie eine natürliche Grenze, um den Rahmen der DP-Serie nicht zu sprengen.

Das vermeintliche Problem einer Brennweite von 75mm ist, dass sie sich – zumindest im Bewusstsein der fotografierenden Menschen – einigermaßen zwischen den Stühlen einordnet: zu lang, um als Normalbrennweite durchzugehen, zu kurz, um wirklich in den Telebereich vorzustoßen. Und so hat es den Anschein, als wären die 75mm dazu verdammt, ausgerechnet eine Art fotografisches Niemandsland zu markieren.

Andererseits darf nicht übersehen werden, dass es im Lager der Messsucherfotografie eine ganze Reihe von 75mm-Objektiven gibt, die allesamt einen sehr guten, teilweise einen hervorragenden Ruf genießen, allen voran das – allerdings nicht mehr produzierte – 1.4/75 Summilux aus dem Hause Leica, dicht gefolgt vom aktuellen 2.0/75 APO-Summicron ASPH. – beides übrigens Objektive, die sich in einer Preiskategorie irgendwo über EUR 2500 tummeln. Und auch das dritte Objektiv von Leica, das 2.5/75 Summarit soll, obwohl deutlich billiger, hier nicht unerwähnt bleiben, wird es doch von vielen Leica-Fotografen wegen seines idealen Verhältnisses von Kompaktheit, Preis und Abbildungsleistung hoch geschätzt. Auch im Angebot von Voigtländer finden sich immerhin zwei Objektive dieser Brennweite: das ältere 2.5/75 Color-Heliar, noch mit Schraubanschluss, sowie das aktuelle 1.8/75 Heliar, wovon letzteres nicht einmal die Hälfte des günstigen Leica Summarits kostet. Nur der dritte große Anbieter von Objektiven mit Leica M-Bajonett, Carl Zeiss, spart sowohl die 75mm als auch die gängigere Brennweite von 90mm komplett aus und positioniert sich mit 85mm in einem weiteren Zwischenreich.

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Es soll in dem Zusammenhang aber auch nicht verschwiegen werden, dass bei den M-Kameras von Leica ausgerechnet der Sucherrahmen für 75mm nur behelfsmäßig eingeblendet wird und obendrein als am wenigsten genau gilt. Die Brennweite von 75mm ist also im Bereich der Messsucherfotografie, wenn schon nicht populär, so doch immerhin vertreten und halbwegs etabliert.

Aber auch in der digitalen Spiegelreflexfotografie haben sich die 75mm einigermaßen unbemerkt eingeschlichen, nämlich als Resultat der Verwendung des guten, alten 50mm Standardobjektivs an Kameras mit Sensoren in APS-C Größe und also einem Crop-Faktor von 1.5 – was aus einem 50mm-Objektiv eben eine 75mm Brennweite werden lässt. Nur dass wohl wenige auf die Idee kämen, dies dann noch als Standardobjektiv zu verwenden.

Typischerweise geht man bei einer Brennweite von 75mm von einem Portrait-Teleobjektiv aus. Mit 75mm rückt man dem Motiv nicht so zu Leibe wie mit einer längeren Brennweite, schließt aber auch nicht so viel Motivumgebung mit ins Bild ein, wie das bei 50mm der Fall ist. Für die Portraitfotografie ist zwecks Freistellung des Hauptmotivs  in der Regel eine große Anfangsblende des Objektivs erwünscht. Eine Lichtstärke von 1.4 ist da keineswegs ungewöhnlich, wenn es auch den Schärfebereich deutlich minimiert: gerade dieser Effekt trägt zur gewollten Bildanmutung bei. Hier stellt sich die Frage, ob eine Lichtstärke von 2.8 am APS-C Sensor wie bei der DP3 Merrill ein für die Portraitfotografie ausreichendes Freistellpotenzial bereitstellt.

Aber Sigma bewirbt die DP3 ja nicht als reine Portrait-Kamera, im Gegenteil: in Sigmas Galerie der Beispielbilder spielen Portraits überhaupt keine Rolle. Tatsächlich überwiegen Landschafts- und Stadtansichten sowie Detailaufnahmen aus dem städtischen Leben. Sicherlich ist es kein Zufall, dass man der DP3 einen Makro-Modus spendiert hat. Keinen echten Makro-Modus, wohlgemerkt, der dem Motiv gar bis 1cm auf die Pelle rückt, aber es wird damit ein Nahbereich erschlossen, der den bisherigen Kameras der Serie verschlossen blieb bzw. nur mit zusätzlicher Nahlinse annähernd erschlossen werden konnte.

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So erweist sich das 50mm Objektiv der DP3 also als äußerst vielseitig: von der Landschaftsaufnahme bis zum Portrait und sogar noch darüber hinaus in den Nahbereich – die Einsatzgebiete sind weiter gestreut denn je. Demnach wäre die DP3 mit ihrem Spezialobjektiv doch ein guter Allrounder. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die DP3 der DP2 den Rang abläuft, wenn sich das Netz erst einmal mit spektakulären Bildern gefüllt hat. Wer weiß, vielleicht kommt ja auch mal ein Vergleich mit dem APO-Summicron von Leica.

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