One Shot: Slinky Springs to Fame

Fotografie ist nicht einfach ein Abbild des Realen. Nicht selten beschränkt man sie zwar darauf: als Bewahrer des Augenblicks oder auch als Reproduktion einer statischen Szene. Dabei unterschätzt man aber leicht ihre Fähigkeit, vielmehr ihre Neigung zur Abstraktion. Das vorliegende Bild ist dafür ein gutes Beispiel.

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Es handelt sich um eine Aufnahme aus dem Inneren der Brücke Slinky Springs to Fame von Tobias Rehberger.  Das begehbare Kunstwerk wurde im Jahr 2011 eröffnet und verbindet den Oberhausener Kaisergarten mit dem anderen Ufer des Rhein-Herne-Kanals, also mit dem als Emscherinsel bezeichneten Landstrich zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher.

Obwohl das Motiv sicherlich erkennbar bleibt, ist das Foto nicht einfach eine Inszenierung dieses Bauwerks. Es oszilliert gewissermaßen zwischen konkreter Darstellung und Abstraktion, Dafür gibt es einige Anhaltspunkte.

  1. Das Fehlen von Farbe. Die Schwarzweißfotografie blendet zusammen mit der Farbe auch diverse Aspekte des Wirklichen aus. Sie bevorzugt in der Regel Formen und Strukturen gegenüber Flächen und Signalen.
  2. Der Blick aufs Detail. Je näher man herangeht, desto mehr verschwindet das große Ganze. Mit der Perspektive ändert sich der reale Zusammenhang.
  3. Die geringe Schärfentiefe. Verschwimmt ein großer Teil eines Bildes in Unschärfe, wird unsere Wahrnehmung eher assoziativ statt analytisch. Die Bildwirkung ändert sich dramatisch.
  4. Die Quadratur. Da das Bild quadratisch ist, geht uns ein Teil unserer Orientierung verloren. Wir sind es gewohnt, bestimmte Motive mit bestimmten Formaten in Verbindung zu bringen.

Die vorliegende Fotografie ist mit einer Mamiya C330 Professional F und dem 80mm Standardobjektiv entstanden. Es handelt sich um eine zweiäugige Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven, die zwischen 1972 und 1982 produziert wurde.  Als Mittelformatkamera muss sie mit 120er (oder 220er) Rollfilm gefüttert werden und belichtet Negative oder Diapositive im Format 6x6cm, also wie die Rolleiflex oder Hasselblad – nur dass die Mamiya weitaus schwerer und sperriger daher kommt. Dennoch habe ich sie immer gemocht und mag sie wieder. Es macht eben Spaß, mit ihr zu fotografieren – aber natürlich macht es mit einer Rolleiflex oder Hasselblad nicht weniger Spaß. Ich verspüre sogar große Lust, in absehbarer Zeit ein paar Artikel über die guten alten Mittelformatkameras zu schreiben, insbesondere über die verschiedenen Systeme von Mamiya – quasi als Hommage an einen völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Hersteller großartiger Kameras.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich als Film noch einen alten Ilford XP2 mit Verfallsdatum 2004 zur Hand hatte, der auf diese Weise nun endlich seiner Bestimmung zugeführt werden konnte. Entwickelt bei Farbglanz, gescannt zu Hause mit dem 9000F von Canon.

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