Roll of Film: Frühlings Erwachen mit der Nikon F100

Es ist schon ein geraumes Weilchen her, dass ich meine letzte Filmrolle verknipst habe – zu groß ist die bequeme Versuchung der digitalen Bildaufzeichnung, deren blitzschnelle Verfügbarkeit uns die Wartezeit der Filmentwicklung vermiest.

LandschaftsschutzgebietNeulich jedoch, an einem noch kühlen, sonnigen Morgen im März überkam mich die fast vergessene Lust auf das Abenteuer Film. Ich griff zu meiner Nikon F100, die gar nicht glauben konnte, wie ihr geschah, kramte aus einer abgelegenen Schublade einen bis 2006 haltbaren Polaroid High Definition 100 hervor, schnappte mir ein paar Objektive und zog los in die nähere Umgebung.

Dabei machte ich mir weder Gedanken über das Ablaufdatum des Films noch über die Funktionsfähigkeit der in die Jahre gekommenen Kamera. So eine schnöde Filmrolle kann durchaus ein paar Jahre Überlagerung vertragen. Und was die F100 betrifft, so ist sie ja im Grunde eine der modernsten Spiegelreflexkameras, die für Kleinbildfilm gebaut wurden. Problemlos verträgt sie sich mit den aktuellen Nikkoren, die ich sonst an meiner Nikon DF verwende.

rot-grünFotografiert man analog, macht man sich ohnehin wenig Gedanken über technische Aspekte des Fotografierens, insbesondere nicht über das Spiel mit unterschiedlichen Empfindlichkeiten. Ist der Film einmal eingelegt, dann ist man in der Regel über die gesamte Filmlänge auf eine einzige Empfindlichkeit festgelegt – in diesem Fall ISO 100. Das heißt dann auch, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, bei schlechten Lichtverhältnissen ohne Stativ zu fotografieren. Ich empfinde diese Beschränkung eher als befreiend, und an diesem Tag mit strahlender Morgensonne bestand nun wirklich kein Grund zur Diskussion.

PferdeEine weitere Erleichterung ist die Unmöglichkeit der schnellen Bildkontrolle. Ist das Bild, das ich soeben gemacht habe, gut geworden? Die Selbstverständlichkeit, mit der man bei Digitalkameras die fertigen Bilder umgehend kontrolliert, hat eigentlich etwas Zwanghaftes. Es ist wie ein permanenter Selbstzweifel, der uns eingepflanzt ist und letztlich das Fotografieren entzaubert. Die Vorstellung, vielleicht tagelang auf die Begutachtung der Fotos warten zu müssen, ist uns völlig fremd geworden. Die digitale Unmittelbarkeit tötet die fotografische Spannung.

KoppelzaunKommt der Film mit den fertigen Fotos dann endlich aus dem Labor zurück ist man mitunter überrascht. Bei dieser Filmrolle haben es mir vor allem die wunderbaren Farben angetan. Ich wusste gar nicht mehr, wie schön Farbfilm sein kann, und einen solchen Aha-Effekt vermittelt mir die Digitalfotografie nur selten. Tatsächlich sehe ich eine solche Farbgebung am ehesten bei Sigmas Foveon-Sensor. Hier hat es ein seit mehr als zehn Jahren verfallener Billigfilm hingezaubert.

Damit will ich nicht behaupten, Film sei in irgendeiner Hinsicht besser als Sensor-Technologie. Es ist einfach nur erstaunlich und bemerkenswert, wie gut Film wirklich war und noch immer ist, sodass man sich fragt, wie alle Welt jemals auf die Idee kommen konnte, so etwas wie eine digitale Revolution zu benötigen. Haben wir etwa aufs falsche Pferd gesetzt?

MülleimerFilm-Fotografie wird wohl aus dem Nischendasein nicht mehr hervorkommen, vorausgesetzt, sie bleibt uns überhaupt erhalten. In der Musikbranche erleben wir ein nicht für möglich gehaltenes Revival der guten, alten Schallplatte. Ich weiß nicht, ob die Foto-Industrie eine vergleichbare Rückbesinnung durchmachen wird. Ansätze dafür gibt es bereits, momentan z.B. ganz stark in der Sofortbildfotografie, aber wie nachhaltig kann das werden?

Ich bin mit Film aufgewachsen. Ich würde mir ein Comeback des Films wünschen. Mag sein, dass hier die Nostalgie obsiegt, aber andererseits besitzt die analoge Fotografie – vom Einlegen des Films bis zu seiner Entwicklung – ihren ganz eigenen, digital nicht reproduzierbaren Charme. Wir sollten uns zumindest hin und wieder daran erinnern, was uns damit verlorengeht.

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